Angel-Marlene Gilmore | Drucken27.09.2011 

Wie lebt es sich im Leipziger Osten?

Im Rahmen des Festivals OSTLichter wurde die Fotoausstellung „Leipziger Osten 1981 – 2011 vom Arbeiterquartier zum bunten Viertel“ eröffnet – Einsendung zum Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011*

Foto: Harald Kirschner, Ernst-Thälmann-Straße 1981

Der Süden ist schick, Plagwitz innovativ, Schleußig entwickelt sich zum jungen Viertel und der Osten steht für Dreck. Trist, öde und verrufen als Taliban- oder Revolverviertel. Das ist der Tenor des Gesagten, dem sich auch lokale Zeitungen anschlossen. Bis heute existiert kein solides Image für den Leipziger Osten, welches auch markentauglich ist. Kulturhäuser gibt es nicht, dadurch fehlt der kulturelle Mittelpunkt, und der Osten wird öffentlich nicht wahrgenommen. Den vielfältigen kleinen Vereinen und Einrichtungen im Viertel fällt es schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Durch eine Idee der Arbeitsgruppe „Kultur, Jugend und Soziales“ wurden sie zusammengelegt und in eine wahrnehmbare Veranstaltungsreihe gepackt. Daraus entstand ein sichtbares Festival ohne Kulturhaus – „Kultur Osten ohne Dach“, so der Slogan. Karin Hörning und Henry Hufenreuter setzen sich seit den 90er Jahren für den „Aufbau Ost“ mit Kulturamtsförderung ein. Rita Werner ist seitens des Kulturamtes der Stadt Leipzig die treibende Kraft für die Entwicklung des Leipziger Ostens. Sie erstreitet die Mittel hierfür und engagiert sich herausragend für den Zusammenhalt des Netzwerks. Durch viel Elan und Engagement kamen auf dieser Weise viele bunte Lichter im grauen Osten auf – die OSTLichter genannt! Das Stadtteilkulturfestival OSTLichter befindet sich inzwischen im 10. Jahr und hat sich seit 2001 mit seinen vielfältigen Angeboten im Leipziger Osten etabliert und diese weit über den Stadtteil hinaus bekannt gemacht.

Im Rahmen des 10. Stadtkulturfestivals präsentieren derzeit auf vier Etagen des Pöge-Hauses, „in 30 unvorhersehbaren Räumen“, die Leipziger Fotografen Christiane Eisler und Harald Kirschner von transit Fotografie GbR über 300 Fotografien unter den Namen Leipziger Osten 1981 und 2011 – vom Arbeiterquartier zum bunten Viertel. Ein Teil dieser Ausstellung wurde erstmals 1981 im Leipziger Rathaus gezeigt, jedoch schnell wieder wegen der politischen Brisanz geschlossen. Christiane Eisler und Harald Kirschner näherten sich drei Jahrzehnte später noch einmal dem Stadtteil. In der Zwischenzeit hatte sich um das Gebiet der Eisenbahnstraße viel getan. Aufgrund bemerkenswerter Leistungen vieler Menschen gewann die Umgebung an Image, welches erstmals im Jahre 2001 im 4. Forum des Bundesprogramms „Soziale Stadt“ mit dem Thema „kultig, kulturvoll oder kulturlos – wie lebt es sich im Leipziger Osten?“ ausdiskutiert wurde. Das hochrangige Podium mit Sebastian Krumbiegel, Oberbürgermeister Burghard Jung (damals Dezernent) und Stadträten trug entscheidend zur Entwicklung und kulturellen Belebung des Ostens bei.

Die Eröffnung der Ausstellung im Pöge Haus musste mit einem Minimalkontigent realisiert werden, da das stadteigene Pöge-Haus nicht kostenfrei für städtische Veranstaltungen zur Verfügung steht. Das Pöge-Haus in der Hedwigstraße 20 ist eine ehemalige vom Zerfall gekennzeichnete Druckerei. Die Räume in einen für den Zweck angemessenen Zustand zu versetzen, erforderte daher ein ungewohntes Arbeiten mit viel Geschick und eigenem Besen. Die Vorbereitungen dauerten ein halbes Jahr, allein der Aufbau benötigte zwei Wochen mit viel Schweiß und Blut.

Doch der Lohn für die Mühe lässt sich sehen. Auf 600 qm zeigen die Fotografen ein künstlerisches und sozialdokumentarisches Repertoire aus der DDR-Zeit und der Gegenwart. Wenn der Boden von Stufe zu Stufe knarrt, stellt sich in den Räumen mit den sich abblätternden Tapeten ein Gänsehautgefühl ein. Der dicke Kloß im Hals schnürt und das Herz klopft. Der Betrachter begibt sich auf eine Zeitreise, welche die Verbindung von Alt und Neu mithilfe faszinierender Werke in emotionalen Räumen greifbar macht. Gezeigt wird eine universelle, ernste und kritische Thematik, teilweise in schwarzweiß, teilweise koloriert. Hervorzuheben ist, dass komplett auf künstliches Licht verzichtet wurde.

Nach der offiziellen Eröffnungsfeier gab es am späten Abend auch andere Ansichten zu den Expositionen von einem Anwohner und dessen Frau, welche in diesem Stadtteil aufwuchsen und in Eigenkraft versuchten dieses Viertel während der DDR-Zeit für die Jugend zu beleben, erfolglos. „Wir haben nach Geldern geschrien!“ wütenden sie. Weiter betonten sie mit, dass dieser Stadtteil damals schon verpönt war und die Menschen Abstand von dem Viertel nahmen. Beide wurden trauriger, denn die Bilder stellen nur das Elend, den Müll und die Schande dar. „Der Leipziger Osten wird auf Bildern dargestellt, als wären die Menschen arm und es gäbe nur Bekloppte. Es wird nur das Schlechte gezeigt und das ist auch nicht richtig! Die ausgebauten Ecken wurden nicht fotografiert!“, klagten sie. Sie hätten zwar in der DDR nicht alles gehabt und wären dennoch zufrieden gewesen. Die gesamten Anwohner wären bekannt gewesen für ihr Durchsetzungsvermögen und ihrem Biss. „In der heutigen Zeit herrsche allerdings das Phänomen der Aufgabe“, sagten beide und blickten auf das Pöge-Haus, auf einer Bank vor der Kirche sitzend. Ein paar Meter links davon stützten gerade zwei junge Mädchen ihre betrunkene Freundin.

Eröffnung OSTLichter

9. September 2011, Pöge Haus


* Der Text wurde für den Schreibwettbewerb „Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011“ eingereicht, der jährlich vom Leipzig-Almanach auslobt wird. Die Almanach-Redaktion veröffentlicht im Nachgang des Wettbewerbs ausgewählte Einsendungen in unredigierter Fassung.


Rückblick auf die Verleihung des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2011

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