Benjamin Brückner | Drucken16.12.2010 

Aktionismus zur Adventszeit

Der Performancekünstler Hannes Malte Mahler schmückt schon zur Vorweihnachtszeit ab

Mit jedem Treffer wächst das kollektive Selbstbewusstsein (Foto: Benjamin Brückner)

Ein Wärme spendender Feuerkorb und ein aufgebauter Glühweinausschank laden in den Innenhof der verschneiten Galerie KUB ein. So friedlich die Szenerie auch wirken mag, sie ist es nicht. Schon eine gesichtslose Weihnachtsmannpuppe, die wie eine Leiche in einem kahlen Raum aufgebahrt ist, deutet nicht wirklich auf eine Adventsidylle hin.
Im Galerieraum selbst zeigt Hannes Malte Mahler zunächst, dass „Der Punsch in uns allen“ steckt. In dem weißen Raum steht ein appetitlich anmutendes Arrangement gleichfarbiger Töpfe, die mit Punsch gefüllt sind, dazu Stühle mit kontrastreichen Silhouetten. Mitten drin die Performance, das Glitterballshooting. Ein Luftgewehr in Mahlers Händen wird jedem Neugierigen überreicht. Das Schießen fühlt sich befreiend an, eine kriegerische Auseinandersetzung mit populär gewordener Weihnachtssymbolik, die das Tabu des Unantastbaren bricht.

Je spektakulärer die Kugeln zerspringen, desto mehr jubelt das Publikum (Foto: Benjamin Brückner)

Und es entblößt ihre Ungenauigkeit. Hat doch der kunterbunt zugehangene Baum herzlich wenig mit Weihnachten selbst zu tun. Die Gäste trauen sich zunächst nur zaghaft an das solide Gewehr. Womöglich hindert sie die imaginäre und mit dem Zeigefinger hinter ihnen mahnende Oma daran, den fein verzierten Baum zu attackieren. Die fröhliche Pop-Weihnachtsmusik, die durch den hellen, einladenden Raum dudelt, unterstreicht die Absurdität des Spektakels.
Doch mit jedem Treffer wächst das kollektive Selbstbewusstsein, den Baum vollends abschmücken zu können. Dabei ist es gar nicht so einfach, das schwere Gewehr ruhig halten. Insbesondere beim Zielen auf kleinere Kugeln schwanken Kimme und Korn schnell, insbesondere, wenn man besagten Glühweinstand zu oft zuvor besucht hat.

Die Treffer häufen sich – je spektakulärer die Kugeln zerspringen, desto mehr jubelt das Publikum. Es hat etwas Entlastendes, ein gesellschaftlich allgegenwärtiges Weihnachtssymbol wie den Weihnachtsbaum zu beschießen. Die schon heiliggesprochene Unantastbarkeit eines gesellschaftlich aufoktroyierten Symbols schwindet für einen Augenblick.

"Der Punsch in uns allen" (Bild: Galerie KUB)

Neu ist die Ausführung dieser Idee nicht. Mahler, der in Hannover lebt, inszeniert bereits seit einigen Jahren Glitterballshootings, 2006 berichtete die Bild-Zeitung mit Unverständnis über das Spektakel. Doch bei dieser Performance geht es nicht darum, etwas gänzlich Neues zu kreieren, sondern das Bewusstsein für das Vorhandensein von fadem Massengeschmack, einer speziellen Art der sonst unbewussten Unfreiheit zu schärfen. Und das zu wiederholen, ist wichtig. Schließlich wird auch jedes Jahr derselbe Brauch in deutschen Wohnzimmern, auf Weihnachtsmärkten, in Einkaufshäusern, Restaurants, Bahnhöfen, Banken, Empfangshallen jedweder Art und anderen Orten, von denen man es wirklich nicht erwartet, zelebriert – gut, dass es an einem einzigen von ihnen erlaubt ist, auch mal die Lichter auszublasen.

glitterballshooting

Performance von Hannes Malte Mahler

10. Dezember 2010, Galerie KUB

www.galeriekub.de

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