Steffen Lehmann | Drucken13.08.2005 

Ein minimalistischer Alltagschronist

Intersections: Fotografien von David Goldblatt in Düsseldorf

Unter dem Eintrag intersection führt das Wörterbuch als mögliche Übersetzung Schnittpunkt, Kreuzungspunkt. David Goldblatt war bereits mit einer kleinen Auswahl in der Ausstellung "Africa Remix. Kunst eines Kontinents" im vergangenen Jahr in Düsseldorf vertreten, die einen unverstellten Blick auf die zeitgenössische Kunst in Afrika wagte. Nun hat sich das museum kunst palast Düsseldorf dankenswerter Weise der Aufgabe angenommen, Goldblatt mit einer ersten großen Einzelausstellung in Deutschland vorzustellen.

David Goldblatt steht in der Tradition der großen Dokumentarfotografie des 20. Jahrhunderts. Seit 1948 die Nationale Partei in Südafrika die Macht übernahm und die Politik der Apartheid offen proklamierte, beobachtete Goldblatt seine Heimat mit der Kamera: die Arbeiter in den Goldminen, das Leben in den "homelands" und in den Vororten der großen Städte, urbane Landschaften und architektonische Details. Dabei sucht Goldblatt nicht das interessante Motiv oder besondere Ereignis. Ihn interessieren vielmehr die Umstände, die zu solchen Ereignissen führen, ihr gesellschaftlicher Nährboden mit seinen Spannungen. Bis Anfang der 1990er Jahre fotografierte Goldblatt ausschließlich in Schwarz-Weiß. Die Freilassung Nelson Mandelas und das Ende der Apartheid markierten für ihn einen solch drastischen Einschnitt, dass er sich der Farbfotografie zuwandte.

Abseits der großen Kunstmetropolen fristete Goldblatt lange ein Dasein des nur Insidern Bekannten. Dieses nutzte er aber umso intensiver. Erst in den letzten Jahren wurde er einem größeren Publikum bekannt, wozu die Documenta11 wesentlich beitrug. Damals war Goldblatt mit einer Auswahl aus der Serie "Boksburg", die das Leben weißer Südafrikaner zeigte, und mit einigen Arbeiten aus der Serie "Jo'burg Intersections" vertreten. Die knapp 80 Fotografien in der Düsseldorfer Ausstellung zeigen den "neuen" Goldblatt. Den Arbeiten aus der "Platteland Intersection" stehen die Fotografien aus der Serie "Johannesburg Intersection" gegenüber. Somit sieht sich der Beobachter dem Kontrast zwischen ländlichem und städtischem Raum gegenüber, der so prägend für das heutige Afrika geworden ist. Innerhalb der Ausstellung gibt es mehrere Abstufungen: die Metropole Johannesburg, weitläufige Landschaftsbilder und Innenansichten südafrikanischer Lokalverwaltungen.

Es sind die Gegensätze, die Goldblatt mit seinen Bildern einfängt und die ihn zu dem Chronisten südafrikanischer Alltagskultur machen. Goldblatt interessiert besonders das Einzelschicksal am Straßenrand, ohne es jedoch zu inszenieren - wie etwa der fliegende Händler, der sich an ein Reklameschild lehnt, das für eine Villensiedlung wirbt, wohl wissend, dass dies für ihn immer eine Vision bleiben wird. Auf den Bildern, die die schier unermessliche Weite der Karoo und des Highveld zeigen, durchschneiden immer wieder Zäune die Landschaft. Diese Zäune symbolisieren die Aufteilung, Inbesitznahme und Ausgrenzung in Südafrika. Auf einigen Fotografien sind so genannte swervers zu sehen, schwarze Wanderarbeiter, die fast völlig am Rande der Gesellschaft sind und durch das Land reisen, immer auf der Suche nach Arbeit.

Zu den am nachhaltigsten wirkenden Bildern gehören Goldblatts Fotografien aus den Gemeindeverwaltungen. Hier wird der fundamentale Wandel, der sich in den vergangenen Jahren in Südafrika vollzogen hat, am plastischsten sichtbar. Auf einigen Bildern ist ganz deutlich die Unsicherheit der "neuen" Chefs auf ihren Posten zu spüren. Sie halten nicht viel von alten Traditionen. Sie müssen Entscheidungen treffen. Vor Goldblatts Kamera werden Annäherungsprozesse von kolonialer Vergangenheit und demokratischer Gegenwart deutlich. Dann gibt es aber auch das neue Selbstbewusstsein, das von einem korpulenten Afrikaner unter einer Galerie von Diplomen demonstrativ zur Schau gestellt wird. Das diametrale Gegenteil sind die schüchtern in die Kamera blickenden Angestelllten, die sich förmlich an die neue Macht zu klammern scheinen. Die Fotografien Goldblatts sind in diesem Sinne auch ein Zeugnis der Inbesitznahme Südafrikas durch die Afrikaner. Und das ist wahrscheinlich der größtmögliche Schnittpunkt überhaupt.
David Goldblatt. Intersections.
museum kunst palast, Düsseldorf
bis zum 21. August
Katalog: 49,95 €

Bildergalerie1 Bilder 

 

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach