Moritz Arand | Drucken17.10.2012 

Kunst des Wahnsinns – Wahnsinn der Kunst

Zum 18. Mal veranstaltete der Durchblick e.V. das Festival „Kunst: Verrückt“. Ein Gespräch mit dem Leiter des Psychiatriemuseums und Mitveranstalter Thomas Müller

Lesung der Verlegerin Britta Jürgs aus „Zehn Tage im Irrenhaus“ von Nellie Bly im Foyer des Psychiatriemuseums (Foto: Durchblick e.V.)

Nicht erst dem einflussreichen Werk Die Bildnerei der Geisteskranken, das Hans Prinzhorn 1922 herausgab, ist es zu verdanken, dass die Welt der Vernunft vom kreativen Potential ihrer Verrückten weiß. Schon in dem 1494 gedruckten Buch Das Narrenschiff von Thomas Brandt stehen die Aussätzigen der Gesellschaft, die nicht in den Diskurs der Vernunft eingegliedert werden können, im Mittelpunkt. Sowohl Nietzsches toller Mensch, der auf dem Marktplatz den Tod Gottes propagiert, als auch der von Russell Crowe gespielte, schizophrene Mathematiker John Forbes Nash im Erfolgsfilm A beautiful Mind sind Beispiele für die Beschäftigung mit dem Thema des Wahns. Dem Überlicht des Vernunftdiktats stellt sich der ängstigende Nachtschatten Wahnsinn zur Seite und erzeugt eine ambivalente Faszination. Wie Eros und Thanatos brüderlich verbunden sind, verbindet das scheinbar ungleiche Paar seit jeher ein festes Band, das als Trennlinie einen schmalen Grat bildet.

Diesen Grenzbereich lotete das Kunst: Verrückt Festival vom 24. September bis 4. Oktober 2012 zum 18. Mal aus. Unter dem Motto „Wie kreativ ist die Psychiatrie?“ wurde an verschiedenen Standorten in Leipzig dieser Frage anhand künstlerischer Positionen verschiedenster Art nachgegangen. Das vom Durchblick e.V. veranstaltete Festival zeigte eine breite Streuung unterschiedlichster Herangehensweisen an das Thema Wahnsinn und Kunst. Neben einer Benefizveranstaltung mit Gästen wie Clemens Meyer, Tim Thoelke, Heike Ronninger, Uwe Timm u.v.m. gab es Ausstellungen, Lesungen, eine Exkursion in die Art-Brut-Sammlung Krieger+Ortner nach Gera, sowie einen Hörspielabend in der Kinobar Prager Frühling. Im Vorfeld dieses Abends führte der Leipzig-Almanach ein Interview mit dem Leiter des Psychiatriemuseums Leipzig und Mitveranstalter des Festivals Thomas Müller.


Leipzig-Almanach: Herr Müller, Michel Foucault hat den bezeichnenden Satz geprägt, dass die Sprache der Psychiatrie ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist. Würden Sie dem Satz vor allem in Hinsicht auf das Festival zustimmen oder sehen Sie das anders?

Thomas Müller: Unsere Idee ist die, dass wir der vermeintlichen Sprache der Vernunft etwas entgegensetzten wollen, weil wir als Psychiatrieverein von der anderen Seite kommen. Der Ansatz des Festivals ist der, Künstler sprechen zu lassen, die nicht die Vernunft in den Mittelpunkt stellen, sondern sich der Psychiatrie als Künstler annähern, um sich mit dieser Grenzüberschreitung, die sie in sich spüren, besser ausdrücken zu können. Und diese Gratwanderung zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen Kunst und Psychiatrie versuchen wir in ihren verschiedenen Ausdrucksformen zu präsentieren. Auf der anderen Seite stellen wir Menschen vor, die im weitesten Sinne etwas mit der Psychiatrie selbst zu tun haben und versuchen das auszudrücken, was sie dort erlebt haben. Jeder Betroffene sucht natürlich auch nach der Vernunft, um mit der Gesellschaft zu kommunizieren und möglichst vernünftig zu sein.

Thomas Müller (Foto: privat)

Almanach: Sie stellen im Zusammenhang mit dem Festival die Frage, wie kreativ ist die Psychiatrie? Wie kreativ ist sie denn wirklich und was heißt es, wenn Sie über die Kreativität der Psychiatrie sprechen?

Müller: Dabei handelt es sich ja erstmal um ein Schlagwort, dass auch zu der Frage führt, wie verrückt die Kunst ist. Diese Frage steht im Mittelpunkt des Festival. Es geht dabei allerdings nicht um den romantisierenden Trugschluss, dass die Psychiatriebetroffenen allesamt besonders kreativ sind. Nicht jeder der schizophren ist, ist auch ein Künstler. Und doch gibt es da Überschneidungen und viele interessante Dinge zu entdecken, weil in den künstlerischen Ausdrucksformen eine Sphäre ist, mit der die Betroffenen mit den vermeintlich Normalen kommunizieren können. Ebenso schaffen die Künstler, die sich mit dem Wahnsinn beschäftigen, selbst aber nicht wahnsinnig sind, einen Freiraum, in dem sie mit den Schattenseiten der Vernunft experimentieren können. Nehmen sie zum Beispiel Klaus Kinski. Wenn der nicht Künstler gewesen wäre, hätten sie den vermutlich öfter weggefangen. Und ich denke, dass die Kunst ein guter Katalysator sein kann, um einen Zugang zu dem Thema Psychiatrie zu bahnen, dass hier und da ja auch mit Ängsten und Abneigungen besetzt ist.

Almanach: Denken Sie, dass der künstlerische Ausdruck als Therapieform einen Gewinn darstellt?

Müller: Wir als Verein sind eine therapiefreie Zone. Das, was bei uns künstlerisch passiert, ist eher ein Gegenentwurf zu dem, was man unter Therapie versteht. Wir versuchen ein Ort zu sein, wo die Leute hinkommen können und nicht die Angst haben müssen, dass das, was sie künstlerisch machen, therapeutisch verarbeitet wird. Wir haben eine Kunstgruppe, die sich jede Woche trifft, bei der es nicht um therapeutische Maßnahmen geht. Und doch ist Kreativität im therapeutischen Rahmen sicher eine sinnvolle Form der Auseinandersetzung und Ausdrucksfindung.

Almanach: Die künstlerischen Formen der Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst und Wahnsinn sind sehr vielfältig. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Programmpunkte ihres Festivals aus?

Müller: Es soll natürlich eine Mischung von beiden Positionen sein. Die Betroffenen auf der einen Seite, die, die über den Wahnsinn nachdenken, auf der anderen Seite. In der Galerie Weißcube ist diese Vorgehensweise ja Konzept. Ein ganz banales Kriterium bei der Auswahl sind natürlich die Finanzen, die einen sehr engen Rahmen setzen. Und doch ist es wichtig, dass sich das Programm aus möglichst vielen Genres der Kunst zusammensetzt, sei es bildende Kunst, Literatur, Musik et cetera.

Almanach: Wie ist Ihr persönlicher Eindruck, wenn sie auf die vergangenen 18 Jahre zurückblicken? Hat sich etwas an der Resonanz geändert, gab es einen Prozess der Veränderung?

Müller: Zu beobachten ist, dass die Psychiatrieszene vor zehn Jahren noch viel stärker beteiligt war. Ob es sich bei dieser Verschiebung um Desinteresse handelt oder ob die Neugier verschwunden ist, weiß ich nicht genau zu sagen. Das hat aber nicht zum Abbruch der Besucherzahlen geführt. Wir versuchen immer Orte, wie zum Beispiel die Kinobar Prager Frühling, zu finden, wo es schon ein Publikum gibt, dass für das Gezeigte begeistert werden kann. Damit vermeiden wir auch im eigenen Saft zu schmoren und hoffen eine Öffnung der Psychiatrie nach außen zu erzeugen. Die Kooperation mit der Moritzbastei, dem Prager Frühling und der Nato sind solche Beispiele.

Psychiatriemuseum:

Interessierte können sich im Sächsischen Psychiatriemuseum (Mainzer Straße 7 in Leipzig) weiterführend mit der regionalen Psychiatriegeschichte beschäftigen.

www.psychiatriemuseum.de
www.durchblick-ev.de
www.kunst-ist-verrueckt.de

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