Sarah Linke | Drucken28.10.2008 

Kampf der Stifte

In Leipzig fanden die ersten Secret Wars statt

Zwölf mehrere Quadratmeter große weiße Tafeln lehnen an den Wänden in der Alten Hauptpost, sechs davon dicht nebeneinander aufgereiht. Davor warten sechs junge Street-Artisten und ein neugieriges Publikum gespannt auf den Countdown zu den ersten Secret Wars ON TOUR in Leipzig. Als der Startschuss fällt, greifen BOBSMADE, Atemmeta, Oldguy, Mike Okay, Donald Hello und Nico Müller zu schwarzen Markern und beginnen, die weißen Tafeln mit Linien zu füllen. In der ersten Runde haben sie genau 30 Minuten Zeit, um ihr Können vor den Augen des Publikums unter Beweis zu stellen. Die einzigen Waffen dieses Battles: ein Haufen Eddings und die Ideen im Kopf der Künstler- und Künstlerinnen; Skizzen sind bei den Secret Wars verboten.

Während die Zeit läuft, lassen die Zeichner Figuren und Strukturen entstehen. Eine Herausforderung besteht darin, Motive der Gegner auf einfallsreiche und witzige Weise im eigenen Bild zu verarbeiten. Nico Müller, Sieger der ersten Secret Wars ON TOUR in Dresden im Mai diesen Jahres, beginnt mit einem schnurbärtigen muskulösen Tataren, der siegessicher über einem wolkenartigen Berg thront. Bleibt genug Platz, die Motive der anderen im Miniformat aus dem Berg hervorschauen zu lassen. Nicos bärtiger Tatar findet sich wenig später auf dem Bild des benachbarten Leipzigers Donald Hello wieder - als Winzling in der Hand eines monstergroßen Hundes, der die Hochhäuser einer Stadt niedertrampelt.

Die Idee der Secret Wars stammt ursprünglich aus England. Der Titel verweist auf den Namen des Marvel Comics aus den 80iger Jahren, in dem Superhelden und Superbösewichte auf einem Planeten namens "Battleworld" um den Sieg und die Erfüllung all ihrer Wünsche kämpfen. Der überaus irdische Preis von 500 Euro winkt dem Gewinner der Secret Wars ON TOUR 2008 in Leipzig. Nach dem KO-System scheiden in der ersten und zweiten Runde jeweils zwei der anfänglich sechs Teilnehmer aus, so dass am Ende zwei Finalisten um das Preisgeld kämpfen. Wer eine mitreißende Performance hinlegt, mit dem Ergebnis überzeugt oder einfach genügend Fans dabei hat, dem ist das Weiterkommen sicher. Denn abgestimmt wird per Applaus und Geschrei, aufgenommen mit einem Schallpegelmesser. Dessen Urteil nach 30 Minuten ist eindeutig - Nico und D. Hello finden nicht genügend Anhänger, um in die zweite Runde zu kommen.

BOBSMADE aus Erfurt, die einzige Künstlerin dieses Battles und eine der wenigen in der deutschen Streetart-Szene, setzt ganz auf die Schlagkraft des politischen Statements: In der ersten Runde entsteht ein dickes Paar, das sich von einem ausgemergelten Kind mit einer Rikscha durch die Gegend fahren lässt. Die Botschaft liefert BOBSMADE dem Betrachter gleich mit: "We feed the world". In der zweiten Runde, auf doppelt so großem Format, hält die aktuelle Finanzkrise als Thema her: Ein Geldmonster schluckt Dollarscheine, die sich über fast die gesamte Fläche verteilen. Anders Mike Okay, DJ und Labelmacher aus Halle. Er zeigt in zwei Runden seine Vorliebe für wolken- und dreiecksförmige Männchen mit langen, die völlig ohne Bezug zum Format in der Fläche hängen.

Nach der ersten Auseinandersetzung mit Stift und weißer Wand zwischen den englischen Künstlern Monorex und Jon Burgerman breitet sich die Idee der Secret Wars seit 2005 über die Insel und mit der DON´T SLEEP TOUR auch über den Kontinent aus. In diesem Jahr veranstaltet das Label Cromatics den ersten deutschen Secret Wars Ausscheid, bei dem über einen Zeitraum von einem Jahr 16 Künstler- und Künstlerinnen gegeneinander antreten. Zudem finden ON TOUR Veranstaltungen statt, bei denen es dem Veranstalter Cromatics zufolge vor allem um eins geht: Die Urban/Street Art durch den Live-Charakter und den direkten Kontakt mit den Zeichnern auch außerhalb der Szene bekannt zu machen. Die Designers Open in Leipzig biete, so Cromatics, den geeigneten Rahmen, diese Form der Street Art in einem kunstweltnahen Umfeld der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu zeigen, dass "jeder Kunst machen kann". Dahinter steht das Bestreben, der Street Art auch in der Kunstwelt Anerkennung als genuine Kunstform zu verschaffen. Bekannte Gesichter der Leipziger Kunstszene lassen sich in der Alten Hauptpost zwar nicht sehen. Das Publikum beschränkt sich aber nicht allein auf die Streetart-Szene (jedenfalls zufolge der Turnschuhmodell-Analyse).

Atemmeta aus Frankfurt am Main zeigt in diesem Battle die größte inhaltliche Vielfalt unter den Teilnehmern. Der 27jährige beginnt abstrakt, das Motiv des ersten Bildes erinnert an ein geflügeltes Insekt. Von seiner zweiten Wand grinst ein überdimensionales, mit wenigen Strichen gezeichnetes Gesicht in Richtung des benachbarten Mike Okay. Auf der letzten Wand baut Atemmeta Schriftzug um Schriftzug übereinander. Im 60minütigen Finale stehen sich Atemmeta und Oldguy gegenüber, die zu bewältigende Wandfläche hat sich mittlerweile verdreifacht und die Spannung steigt. Die Themen des Dresdner Künstlers Oldguy bleiben sich über alle drei Runden hinweg ähnlich. Er malt überdreht blickende Figuren beim Fahren, Ficken, Saufen, aus deren aufgerissenen Mündern die Zunge heraushängt. Oldguys Umgang mit der Fläche macht die Eintönigkeit der Motivwahl erträglicher. Er geht am geschicktesten mit der Fläche um, setzt das Motiv formatfüllend auf die Wand, verwendet weiße und schwarze Flächen. Nach Ablauf der Zeit richtet erneut das Publikum: mit dem knappen Vorsprung von wenigen Dezibelpunkten siegt überraschenderweise Atemmetas Schriftkomposition über Oldguys Bild eines versoffenen Alt-Rockers am Steuer seines Turbo-Vehikels. Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Nach stundenlangem Beobachten, Diskutieren und Beurteilen ist für alle anderen aber endlich Zeit zum Tanzen.

Secret Wars

Bilder 1,3,4, 5: http://cromatics.de
Bild 2: http://petn.tv/

Alte Hauptpost, 24. Oktober 2008


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