| Drucken05.06.2002 

Karl Schmidt-Rottluff: Ausstellung vom 24. April bis 14. Juli (Anja Szymanski)

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Karl Schmidt-Rottluff
Ein Maler des 20. Jahrhunderts
Museum der bildenden Künste 24.04. bis 14.07.02

(Abbildung: Vorfrühling, 1911, Öl auf Leinwand)


?Die Vollendung ist für etwas müdere Generationen.?

Betrachtet man die Leinwand aus der Nähe, so gleicht sie einem wilden Schlachtfeld. Die Farben, unmittelbar aus der Tube auf die Leinwand gequetscht, ringeln und schlängeln sich wie Würmer in einem zu engen Gefäß. Blutrote Farbfetzen kämpfen mit Flecken von Knallgelb und Giftgrün. Scheinbar ziellos wütete hier ein schneller Pinsel und hinterließ gefurchte Gebirge und messerscharfe Täler von eingetrocknetem Material. Beim Zurücktreten löst sich aus dem farblichen Wirrwarr zuerst der Umriss eines Gesichtes, dann Auge und Ohr: ?ein stattlicher, kraftvoller, bebrillter junger Mann, ernst, zurückhaltend, aber schon mit Blick und Wesen und der Pranke des Löwen Großes ankündigend und ahnen lassend?. Der vielleicht erste Eindruck des Besuchers dieser Ausstellung ist die Impression des 22jährigen Schmidt-Rottluff von sich selbst. Neben Selbstbildnis sind Landschaften (Erzgebirgshof, Frühnebel) aus den frühen Schaffensjahren zu bewundern, noch impressionistisch, vom Pointillismus eines Signac und Seurat geprägt und voller Huldigung an den Größten der Großen: an Vincent van Gogh.

Zu dieser Zeit existierte Die Brücke schon ein Jahr. Die Bekanntschaft mit Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl und Erich Heckel führte schon 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft Die Brücke, die von sich behauptete, kein theoretisches Konzept zu haben (wie beispielsweise Der blaue Reiter um Wassily Kandinsky) und an deren Malerei sich (vielleicht gerade deshalb) der stilprägende Wechsel von der Impression zur Expression vollzog. Diese Gruppe bestand nicht nur der Arbeit und des geistigen Austausches wegen, vielmehr muß Die Brücke auch als Lebensgemeinschaft verstanden werden. Dementsprechend bestand das sog. Programm der Brücke (welches E. L. Kirchner 1906 zu dem berühmten Holzschnitt verarbeitete) denn auch weniger aus substantiellen Aussagen als daß es einem vitalistischen Aufruf gleichkam.

Ich glaube, die meisten Bilder handeln von Vorgängen; ich wollte immer das Sein aufweisen und das stille Leben der Dinge. (1906)

Der Rythmus, das Rauschen der Farben, das ist das, was mich immer bannt und beschäftigt. (1907)

Der Expressionismus war geboren.

Die Einflüsse auf die Malerei in der damaligen Zeit waren vielfältig. Schmidt-Rottluff, wie andere Expressionisten, war stilistisch auch durch Formen der "Primitivkunst" geprägt. Dieser Rückgriff auf eine den meisten Zeitgenossen letztlich noch weitgehend unbekannte Formensprache wird ein Mittel zum Zweck: Sein Stil beruht auf dem Zusammenwirken starker, ungebrochener Farben, die nunmehr erstmalig in der Geschichte der modernen Malerei einen eigenständigen Ausdruckswert besitzen! Farben und flächige Formen werden weniger zur Dekoration verwendet, als für die Darstellung eines Zustandes, der das Individuum beherrscht und sich nicht in der Harmonie auflöst. Wann wird es zwingend, Zustände und nicht Vorgänge darzustellen: wenn sie unerträglich sind, wenn keine Lösung in Aussicht ist.

Die Ausstellung des malerischen Werkes von Schmidt-Rottluff (leider keine Graphik!) im nüchternen Leipziger Interim ist chronologisch geordnet. Wir folgen den Spuren der Zeit in den von Licht und Schatten umflirrten Bauerngärten, den Moorlandschaften und kubistischen Häuserzeilen bis hin zum massiven Einsatz reiner Komplementär- und nichtnaturalistischer Farben in den Abbildern von Frauen mit übergroßen Köpfen. Aufzeigend den schmerzlichen Bruch mit einer Umwelt, die nicht mehr als natürlich akzeptiert werden kann. Trotz der nicht-naturalistischen Farben und der Einschränkung der Form auf das Allerwesentlichste ist die erzeugte Expressivität dennoch erschreckend naturalistisch: ist immer eine Spiegelung der inneren Spannung des Individuums!

Denn im Gegensatz zu Grosz und Beckmann beispielsweise, die den Krieg direkt thematisierten, drückt Schmidt-Rottluff die stille Verzweiflung in Krieg und Kriegsdienst (1915-1918) als geistigen und leiblichen Zustand aus, der sogar noch jetzt unmittelbar auf den Betrachter wirkt. Das Leiden ist etwas Unsterbliches, nicht Greifbares. Die Frauengestalten sind optisch verkürzt (verstümmelt?), ihre Arme überlang und verletzlich, ihre Gesichter grün. Die Natur ist auf bloße Zeichen reduziert. Der Rückzug nach innen hat begonnen. Von nun an ist das Werk tief melancholisch, auch wenn Schmidt-Rottluffs Malerei in den Jahren nach dem Krieg grundlegende Veränderungen erlebt. Die Formen sind wieder plastischer, die Farben differenzierter und dem Raum wird als Medium wieder vertraut. In Reisen des Malers nach Paris und Ascona und durch zahlreiche Aufträge und Ausstellungen normalisiert sich das alltägliche Leben, bevor ? zurückgekehrt nach Deutschland ? die entsetzlichen Jahre der Diffamierung beginnen.

Als "Entartete Kunst" galten im NS-Regime alle kulturellen Werke und Strömungen, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht in Einklang zu bringen waren: Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus oder Fauvismus. Zahlreiche Werke Schmidt-Rottluffs wurden im Zuge der Diffamierung unwiederbringlich zerstört, der Expressionismus als Zeitströmung ist deshalb nicht in voller Gesamtheit rekonstruierbar.

Wieder der Rückzug nach innen als einzig möglicher Schutz.

Schmidt-Rottluffs Sprache ist nun wieder beredter, bildhafter: Entwurzelte Bäume (1934), die Farbe voll aufbäumender Verzweiflung: Fischerbucht (1937). Trotz des Berufsverbotes und der Zerstörung des Ateliers 1943 durch Bomben arbeitet der Maler weiter. Der Mensch, die Figur in den Sujets, tritt denkwürdigerweise immer weiter und weiter zurück. So bleibt es, auch in den folgenden Jahren nach dem 2. Weltkrieg, in denen Schmidt-Rottluff Lehrtätigkeiten an der Hochschule für bildende Künste Berlin ausübt und später, endlich, öffentliche Anerkennung erfährt.

Im Spätwerk spürt man die schmerzliche, aber ruhig-melancholiche Sehnsucht nach Harmonie, so in den Stilleben und ?Mondbildern'. Aber kompositionelle Brüche (gezackte, wütende Umrisse) nähren den Verdacht, daß diese Hoffnung vergeblich ist. Starke und doppelte Konturen in Stilleben trennen Gegenstände auf magische Weise voneinander: die Dinge kommen nicht mehr zusammen.

Schmidt-Rottluff spiegelt in seiner Malerei sowohl das 20. Jahrhundert, weil er den modernen Strömungen der Malerei offener und intellektueller (vielleicht weniger individuell, weniger privat) als seine Zeitgenossen aufgeschlossen war, als auch ein Stück Geschichte der Malerei selbst, nämlich die der sichtbaren (gegenständlichen) Dinge, über die sich der Schleier des unsichtbaren Weltverständnisses legt.

(Anja Szymanski)

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