Moritz Arand | Drucken | Kommentar (1)10.04.2013 

Im Reich der Mütter

Klaus Friedrich Messerschmidts Werke zeigen die Ambivalenz matriarchaler Macht

Bilck ins Foyer der Galerie Kontrapost (Fotos: Galerie Kontrapost)

Als im Jahr 2000 die Figurengruppe „Röckener Bacchanal“ neben der Taufkirche Friedrich Nietzsches eingeweiht wurde, entspann sich ein ästhetischer Streit über Sinn und Unsinn des Werkes. Zu sehen ist Nietzsche, der am Arm seiner Mutter an seinem eigenen Grab steht. Zu beiden Seiten des Grabes stehen zwei weitere Figuren, die einen nackten Nietzsche zeigen, der mit einem Hut sein Genital bedeckt. Verantwortlich für die „skandalöse“ Skulpturengruppe ist der Bildhauer Klaus Friedrich Messerschmidt, der neben besagtem Werk Denkmäler für Thomas Müntzer in Stolberg und Johann Sebastian Bach in Mühlhausen geschaffen hat.

„Messerschmidt holt alle vom Sockel und zeigt in seinen Arbeiten die abgründigen Seiten seiner Modelle“, so die Galeristin Susanne Ulbrich. Das gefällt nicht jedem, wie im Fall Nietzsche beschrieben. Bezeichnend an den Darstellungen ist die Abkehr vom monumentalen Übermaß klassischer Denkmäler und die damit verbundene Fokussierung des Menschen. Interessanterweise sind alle genannten Figuren in ihrer realen Körpergröße dargestellt. Kein Sockel erhebt sie über den Betrachter. Auf Augenhöhe stehen sich beide gegenüber.

Messerschmidt studierte nach einer Lehre zum Möbeltischler an der Burg Giebichenstein in Halle unter anderem bei Hans Brockhage. Die Galerie Kontrapost zeigte vom 23. bis 16. März einen Querschnitt der Werke des 1945 in Sangerhausen geborenen Künstlers Messerschmidt, obwohl sich dieser vom Bildhauerhandwerk zurückgezogen hat und heute lieber Bücher schreibt.

Bilder von Klaus F. Messerschmidt: "Musterung der Schmerzensmänner" (links) und "Inszenierung von Schutzmantelmadonna und Schmerzensmann" (rechts)

Im Erdgeschoss des früheren Kutscherhauses in der Stallbaumstraße in Gohlis dominieren vier gezeichnete Entwürfe für ein Einar-Schleef-Denkmal, das von der Stadt Sangerhausen nicht finanziert werden konnte. Eine Auswahl verschiedener Skulpturen kann im Nebenraum betrachtet werden.

Die großformatigen Graphitzeichnungen, die im Eingangsbereich den Blick gefangen nehmen, sind durch den Roman „Gertrud“ inspiriert, in dem Schleef die Geschichte seiner gealterten Mutter erzählt.

Infernalisch und alptraumhaft wirken die grauen Zeichnungen, in die kontrastierend ein Rot hineinscheidet. Aus diesem blutigen Schattenreich schauen die leeren Augen fahler Gesichter, stehen die nackten Leiber leidender Menschen. „Gang zu den Müttern“ ist der Titel einer Zeichnung, auf der zwei Figuren, die dem Betrachter den Rücken zukehren, einen zusammengekauerten Mann einem roten Etwas (Sonne oder Uterus?) entgegentragen. Gewalt und Schmerz, Furcht und Ohnmacht sprechen aus dem Bild. Aus einer fernen Ecke, die der Betrachter nur ahnen kann, grinst die Faszination für dieses regressive Schauerspiel, auf dessen Bühne der Urkonflikt ausgetragen wird. Hier kämpft der Wille zum Leben mit dem Willen zur anorganischen Ruhe des Steins, der Wunsch nach Verschmelzung mit dem begehrt-gehassten Objekt duelliert sich mit der Aufrichtung eines Ichs, das immer von Vernichtung bedroht ist. Provokant und ehrlich präsentieren die Zeichnungen den trauernden Eros, der sich von übermächtiger Mütterlichkeit nicht frei machen kann und droht im Dunkeln zu versinken.

Die Galerie, die sich auf Bildhauerei spezialisiert hat, stellt in den Mittelpunkt der Werkschau Zeichnungen, die Skulpturen hätten werden sollen, es aber nicht geworden sind.

Lust und Leid begegnen sich in den Werken Messerschmidts auf mitunter subtil-brutale Weise, die keineswegs abstoßend wirken. Vielmehr eröffnen sie einen Raum, der den Mutter-Mythos zur Klarheit entstellt. Nietzsche hätte das gefallen – Einar Schleef sicherlich auch.

In Kooperationen mit dem Friedrich-Rochlitz-Preis veranstaltete die Prosawerkstatt einen Workshop zum Thema Kunstkritik als journalistische Praxis. Der folgende Text ist im Rahmen dieser Veranstaltung entstanden.

Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Klaus F. Messerschmidt schrieb am 16.04.2013 um 20:48 Uhr:

Danke für den Artikel. Gefällt mir! Allerdings sollten Fehler berichtigt werden:
- in der kurzen Biografie steht einmal Messerschmitt
- Schleef hat! von seiner Mutter Gertrud geschrieben!
- zur Klarheit entstellt.
- einiges anderes. Kurz: ich würde einiges korrigieren!
Gruß KFM

Redaktion antwortete am 26.04.2013 um 07:33 Uhr:
Danke für die Hinweise! Wir haben die Korrekturen gerne übernommen.

 
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