Moritz Arand | Drucken05.10.2012 

„Denn es ist JETZT. Und JETZT ist IMMER.“

Von den Anfängen bis zur Gegenwart: Ein Gespräch mit Anna Schimkat über die 8. Kunstraum-Tage in Leipzig-Lindenau

Installation im AundV vom AundV, Sommer 2012 (Foto: Andreas Miller)

Leipzig-Almanach: Der Rundgang durch die Kunsträume Lindenaus geht am 12. Oktober in die achte Runde. Wie hat das alles eigentlich angefangen?

Anna Schimkat: 2005 begann es mit den Kunsträumen Kolekcja Polska und dem Kuhturm. Nach und nach siedelten sich immer mehr Kunsträume im sonst noch sehr leeren Lindenau an. Und anstatt uns als Konkurrenten zu begreifen, haben wir 2008 beschlossen, uns als Netzwerk zusammenzuschließen und das erste Lindenow gemeinsam organisiert. Damals waren es neun Kunsträume, die rund um den Lindenauer Markt für eine Verdichtung der Kunstszene sorgten. Dieses Jahr werden es durch die Erweiterung des Lindenows nach Plagwitz 30 sein. Die erste gemeinsame Aktion wurde geplant, als sich das sogenannte NPD-Bürgerbüro im November 2008 in Lindenau niederließ. Wir wollten als Netzwerk und Nachbarn dazu Stellung beziehen. Es gab unter dem Titel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ geführte Touren in einem Doppelstockbus, mit dem es möglich war, über den Zaun der Odermannstraße 8 zu schauen.

Leipzig-Almanach: Klingt nach einer Safari vorbei an deutschnational Idotia.

Schimkat: Ja, das könnte man schon als Safari bezeichnen. Hinter dem Zaun wurde extra für die Gäste der Bustour posiert. Daraufhin haben beim zweiten Lindenow einige der Kunsträume ihre Ausstellungen der Frage „Wie politisch kann Kunst sein?“ gewidmet. Obwohl wir uns bis jetzt immer dagegen entschieden hatten ein generelles Motto auszugeben, gibt es immer wieder Themen die uns alle beschäftigen, die nach Bearbeitung schreien und nicht abgesprochen zu einer Art Gesamtbild der Ausstellungen führen (zum Beispiel auch während der Diskussion um den Kaufland-Markt).

Leipzig-Almanach: Wie ging es dann weiter?

Schimkat: 2010 wurden wir als Netzwerk nach Salzburg und 2011 nach Frankreich eingeladen, konnten dadurch nach außen gehen und wirken, uns in der Fremde als Netzwerk anders betrachten und selbst verorten, so dass wir nun schon zum achten Mal den Rundgang auf die Beine stellen können.

Projekt- und Hörgalerie AundV (Foto: Andreas Miller)

Leipzig-Almanach: Warum ist gerade Lindenau so prädestiniert für eine freie Kunstszene und warum findet eine so immense Westexpansion von Kunst und Kultur gerade in die urbane Peripherie statt?

Schimkat: Ich bin 2006 nach Leipzig gekommen und habe mich bewusst dazu entschieden, in den Westen zu gehen, weil der Süden für mich damals schon erledigt war. Den nötigen Input als Künstlerin zu bekommen, schien hier gegeben zu sein und hat sich letztlich für mich bestätigt. Natürlich hängt die massive Ansiedlung von Atelierhäusern und Kunsträumen auch mit den günstigen Mieten zusammen.

Leipzig-Almanach: Was ist Lindenau für Dich persönlich? Was verbindest Du mit dem Stadtteil?

Schimkat: Die Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung des Umfeldes ist ein entscheidender Punkt, warum ich mich hier halbwegs fest niedergelassen habe. Die Zäsur, die mit dem Mauerfall 1989 eingesetzt hat und das danach folgende finanzielle Desaster mit dem Niedergang der Wirtschaft und der damit verbundene Wohnungsleerstand, hat einen Freiraum hinterlassen, der in Leipzig mit einem anderen Tempo gestaltet werden kann, als das beispielsweise in Berlin möglich ist. Durch diese positive Langsamkeit, hat man hier die Chance, bewusster mit der Gestaltung umzugehen.

Leipzig-Almanach: Denkst Du, dass sich die Voraussetzungen im Zuge drohender Gentrifizierung ändern werden?

Schimkat: Veränderungen gibt es. Allein schon, weil Leute auch wieder aus der Stadt weggehen und neue dazukommen, die den Stadtteil aktiv mitgestalten und verändern. Es gibt zum Beispiel auch Räume die speziell nur für das Lindenow aufmachen und dann wieder verschwinden. Lindenow (now wie jetzt) ist damit auch eine Momentaufnahme der Kunstraumlage im Stadtteil, die einen temporären Charakter hat.

Leipzig-Almanach: Gibt es darüber hinaus auch Bestrebungen, bestimmte Orte dauerhaft zu etablieren?

Schimkat: Das Netzwerk der unabhängigen Kunsträume Leipzig-Lindenau hat nicht die Aufgabe Orte zu etablieren. Einige der Kunsträume haben bereits ihren festen Platz im Leipziger Kulturleben, mit regelmäßigem Programm und guter Förderung. Andere existieren nur für ein Wochenende. Diese lebendige Unterschiedlichkeit ist es, was die Kunsträume-Landschaft im Leipziger Westen ausmacht. Das Netzwerk möchte Kräfte bündeln, um temporäre Freiräume zu erhalten. Ebenso soll es eine Plattform sein, die die Arbeitsgemeinschaft der NetzwerkerInnen stärken soll.

Leipzig-Almanach: Versteht sich Lindenow als Kontrastprogramm zu den anderen großen Rundgängen (Spinnerei, HGB) der Stadt?

Schimkat: Die gleiche Frage hat mir Sarah Alberti vom kreuzer auch gestellt. (Es wird gelacht) Das wurde oft schon so dargestellt. Finde ich aber eigentlich nicht, weil es aus einer nachbarschaftlichen Atmosphäre heraus entstanden ist. Die etwa 500 Besucher am Tag kommen aus allen Schichten und Ecken der Stadt und besichtigen nicht-kommerzielle Kunsträume, die Platz bieten für junge, zeitgenössische und experimentelle Kunst. Außerdem bespielen wir ein ganzes Stadtviertel und nicht einen hermetisch geschlossenen, elitären Kunst-Ort.

Leipzig-Almanach: In die Georg-Schwarz-Straße wird seitens der Stadt viel Geld investiert. Wie finanziert sich das Lindenow?

Schimkat: Die bereits schon erwähnten Auslandsaufenthalte werden sehr gut von der IFA gefördert. Schon zu Beginn der Lindenow-Rundgänge haben wir den ersten Kulturamtsantrag gestellt und sind von Anfang an von der Stadt gefördert worden. Die Förderung hat mit den Jahren jedoch so abgenommen, dass wir das diesjährige Frühlingslindenow haben ausfallen lassen müssen. Aber wir haben uns trotzdem entschieden weiterzumachen.

Foto: Andreas Miller

Leipzig-Almanach: Nichtsdestotrotz muss diese finanzielle Beschneidung doch einen Einschnitt bedeutet haben.

Schimkat: Wir waren kurz davor aufzuhören. Aber ich würde sagen, wir haben die Zeit gut genutzt, um unsere Kräfte zu bündeln und den Lindenow e.V. – Verein zur Förderung des Netzwerkes unabhängiger Kunsträume im Leipziger Westen gegründet. So stärken wir unsere Position gegenüber Förderern und Stadt. Die Autonomie der einzelnen Räume bleibt weiterhin wichtigste Prämisse. Deshalb war es auch eine schwere Entscheidung, diesen losen Netzwerk-Verbund zu einem Verein zusammenzuschließen. Lindenow auch auf Plagwitz auszuweiten gehörte zu dieser Entscheidung dazu. Das Lindenow#8 am 12. Oktober 2012 ist der erste KunstraumTag nach dieser Neuordnung. Und wir werden sehen, ob diese Innovation in Zukunft als mehr förderfähig anerkannt wird. Ohne dies wird es schwierig sein, diese Vernetzungsarbeit weiter leisten zu können.

Leipzig-Almanach: Was kann man sich unter dem Begriff Netzwerk im Allgemeinen vorstellen? Was ist da mit wem vernetzt?

Schimkat: Ein Netzwerk ist eine Struktur. Verbindungen zwischen den Akteuren ermöglichen es Informationen, Wissen und Arbeitskraft zu teilen. Damit sind sowohl Orte als auch Einzelpersonen gemeint. Aus einer nachbarschaftlichen Struktur entstanden, zieht sich das verknüpfte Netz der Akteure inzwischen durch den gesamten Leipziger Westen. Die Einbettung der Kapazitäten der Handelnden in ein Gemeinsames bündelt Kräfte und macht mehr möglich. Dabei geht es vor allem um eine Kommunikationsplattform, aber auch um gemeinschaftliche Projekte und den interkulturellen Austausch.

Leipzig-Almanach: Wird es im Zusammenhang mit Lindenow#8 eine Stellungnahme zu den jüngsten Vorkommnissen rechter Gewalt in Lindenau geben? Wenn ja, was und wenn nein, warum?

Schimkat: Es gab bereits eine Pressemitteilung bezüglich des Überfalls auf das Sommerfest des Kunstraum D21, die unabhängig von Lindenow#8, aber im Namen des Netzwerks verfasst wurde. Außerdem war in der Pressemitteilung zum Lindenow eine Stellungnahme zu lesen. Es ist für die Mehrheit der Mitwirkenden wichtig eine Haltung zu formulieren, sich zu positionieren. Das wird in Form von Unterschriftenlisten passieren. Jeder Kunstraum, der sich daran beteiligen will, wird eine solche Liste ausliegen haben.

Leipzig-Almanach: Wie geht es Dir momentan persönlich? Schläfst Du noch gut oder lassen Dich die organisatorischen Zwänge nicht zur Ruhe kommen?

Schimkat: Ich bin gerade in die Phase der Vermittlung übergegangen, werde mich dann zusammen mit den anderen AundVs um Grit Ruhland kümmern, die im AundV ihre Installation Folgelandschaft III präsentieren wird, auf die ich mich sehr freue. Ansonsten bin ich aufgeregt und gespannt, wie der diesjährige Rundgang laufen wird.

Anna Schimkat ist Künstlerin, Mitbegründerin der Projekt- und Hörgalerie AundV und Öffentlichkeitssprecherin des Lindenow#8. Das Interview erscheint ebenfalls in einer Kurzfassung in der Stadtteilzeitung 3Viertel sowie in voller Länge unter www.3viertel.de.


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