Moritz Arand | Drucken19.02.2014 

Von mündigen Masken und verstummten Gesichtern

Das Projekt „Forum Frei!“ stellt menschenverachtende Kommentare in den öffentlichen Raum

Fotos: Johanna Häring

„Könnten Sie das bitte kommentieren?“ – Dies ist eine beliebte Frage bei Journalisten. Ebenfalls kommentieren Journalisten des Öfteren gern diverse Sachverhalte selbst. Und überhaupt: kommentiert wurde schon immer. Ob als namentlich gekennzeichneter Meinungsbeitrag eines Autors, als Wort- und Sacherläuterung in literarischen Texten, als Bibel- oder Gesetzeskommentar – an allen Ecken blitzten die objektiven oder, wie weit häufiger der Fall, die subjektiven Meinungsäußerungen auf. Bei dem, was landläufig als Kommentar bekannt ist und was in Form von Internetforen oder Kommentarfunktionen beispielsweise den Leserbrief verdrängt hat, handelt es sich um den individuellsten Fall des Kommentars, der in einer Pseudo-Öffentlichkeit meist anonym platziert wird. Er erweckt den Anschein von Relevanz, die allerdings nie gewollt ist. Pseudo-Kritik der Avatare? Vieles spricht dafür. Und in vielen Fällen ist das Wort Kritik ein mehr als wohlwollender Euphemismus für das, was dort geschrieben wird.

Menschenverachtend ist ein Adjektiv, dass Solveig Hoffmann und Katharina Wessel gewählt haben, um einen prinzipiellen Charakter vieler Kommentare zu beschreiben. Die Theatermacherinnen haben sich in ihrem Projekt „Forum frei!“ mit dem Phänomen des Kommentierens beschäftigt und ihre Ergebnisse in einer Installation präsentiert.

Bereits am 26. Oktober des vergangen Jahres waren auf dem Augustusplatz (opernseitig) viele Pappkartons zu sehen, auf denen Verschiedenes geschrieben stand. Bei dem Geschrieben handelte es sich um Kommentare, die während der Recherche gesammelt wurden. Diese „Prosa aus der geistigen Umnachtung“ (so der Name eines Blogs der Kommentaren, die aus der Onlinepräsenz einer Leipziger Tageszeitung, versammelt) füllte den öffentlichen Raum, der als Ort der Präsentation aus der Öffentlichkeit der Kommentare konsequent folgt. Zu den Themen Asylbewerberdebatte, Fußball, Kindesmissbrauch fanden sich Kommentare auf der Kartonage, die ohne weiteres jeder hätte zuordnen können und die jeder als Kommentare hätte erkennen können.

„Kommentare begegnen uns jeden Tag. Jeder erkennt sie“, antwortet Wessel auf die Frage, was an Kommentaren so interessant sei. Und gerade deswegen entstand für die beiden Theatermacherinnen die Frage, wie mit diesem Phänomen künstlerisch umzugehen sei.

„Wenn man sich mit den Kommentaren beschäftigt, stellt sich irgendwann die Frage was für ein Mensch dahinter steckt. Man will wissen, was der Mensch erlebt hat, dass er so etwas schreiben kann“, so Hoffmann. Und genau aus diesem Grund stand in der Mitte der Installation ein kleines Papphäuschen in dem Hofmann saß. In dieses konnte der Besucher eintreten und fragen stellen. Interessanter Weise stellte sich heraus, dass man mit den Menschen über die anfänglich oberflächlichen Belange sehr schnell zu persönlichen bis intimen Themen ins Gespräch kam. „Der Beweggrund in den Foren zu posten, ist das Bedürfnis der Menschen gehört zu werden. Alles andere kommt danach“, resümiert Hoffmann ihre Erlebnisse. „Die Leute schreien in den Foren immer lauter und lauter, aber das was sie eigentlich sagen wollen, sagen sie nicht. Es geht darum wahrgenommen zu werden.“

Der fatale Rhythmus des Anonymen wird durch den Gang in das Häuschen gebrochen, der als sicherer Raum Vertrauen schenkt, wenn man sich darauf einlässt.

Alles Kommentieren nur ein Schrei nach Liebe in sprachloser Zeit? Steckt nicht auch viel Angst hinter all dem Hass, der sich in den Foren bahnbricht? Viele Vorurteile und Missverständnisse, die des Kommentars bedürften? Der Mangel an Beziehung führt zu einer Kommunikationskultur in der viel gesprochen, aber nichts gesagt wird , in der immer nur Ersatzleistungen gegen den Verlust verabreicht werde, ohne den Verlust zu thematisieren.

„Vielleicht verhindert der Kommentar Schlimmeres“, ergänzt Hoffmann. Sicherlich. Die Pogrome und Hexenverbrennungen finden heute im pseudoöffentlichen Raum der digitalen Welt statt. Dass das ein kulturhistorischer Fortschritt ist, ist nicht zu leugnen. Aber da sind die Kommentare eben doch. Und umgehen muss man mit ihnen und im besten Falle mit jenen, die sie verfassen und jenen, die sie lesen. Das macht das Projekt „Forum frei!“ auf künstlerische Weise.

Für die Zukunft ist eine Koppelung mit einem Theaterraum angedacht, um die Geschichten, die gehört wurden, zu dokumentieren. Doch zunächst wird die Installation am 18. März im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus (10.– 23. März 2014) in der Hallenser Innenstadt zu Gast sein.

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