Steffen Lehmann | Drucken27.05.2004 

Leuchtende Seele Russlands

Die Pracht des Kreml in einer Bonner Ausstellung

Wird anderen Ortes über den Wiederaufbau untergegangener Bauwerke lange und heftig diskutiert, bestimmt in Moskau Bürgermeister Jurij Luschkow, wieviel Vergangenheit und wieviel Gegenwart es in der Stadt an der Moskwa gibt. Denkmalschützer registrieren dabei einen Besorgnis erregenden Trend: immer mehr denkmalgeschützte Gebäude müssen Allerweltsbauten weichen. Seit dem Ende der Sowjetunion wurden in Moskau dreihundert historische Bauwerke zerstört, darunter vierzig ausgewiesene Architekturdenkmale.

Davon unberührt scheint der Kreml zu sein, von dem es im russischen Volksmund heißt: "Über Moskau geht nur der Kreml, und über dem Kreml ist nur noch Gott". Aber der Schein trügt, denn was die Abrissbirnen nicht schaffen, wird immer häufiger den gierig zündelnden Flammen überlassen. Am 14. März diesen Jahres brannte das Manegengebäude mit seiner einzigartigen Holzdachkonstruktion in unmittelbarer Nähe zum Kreml vollständig ab. Zufall oder nicht, an dem Tag fanden die Präsidentschaftswahlen statt, die Amtsinhaber Putin einen leichten Sieg bescherten.

Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt mit ihrer Ausstellung "Gottesruhm und Zarenpracht" den Kreml als Zentrum weltlicher wie geistlicher Macht. Rund dreihundert Ikonen, Goldschmiedearbeiten, historische Stadtpläne, Herrscherporträts, Textilien und Waffen werden erstmals außerhalb Russlands gezeigt. Sie demonstrieren den Aufstieg einer kleinen Feste in der Provinz zur Schaltzentrale einer Supermacht. In seiner über 800-jährigen wechselvollen Geschichte wurde der Kreml zum Symbol des russischen Staatswesens, des orthodoxen Glaubens und der russischen Kultur.

Dabei standen die Chancen dafür ziemlich schlecht. Weit entfernt von Kiew, dem eigentlichen Machtzentrum, eroberten die Mongolen Moskau im Jahre 1237 im Handstreich. Erst nach der Vertreibung der Besatzer begann der unaufhaltsame Aufstieg Moskaus. Als Großfürst Iwan III. die letzte überlebende byzantinische Prinzessin heiratete und die orthodoxe Kirche den Kreml als geistiges Zentrum entdeckte, war die Idee von Moskau als "drittes und letztes Rom" geboren. Das lange zersplitterte Reich erlebte eine künstlerische Blüte und feierte eine kulturelle Wiederauferstehung. Der Kreml in seiner heutigen Gestalt entstand unter Anleitung italienischer Architekten im 15. und 16. Jahrhundert. In diese Zeit fällt auch die Verwandlung vom "weißen" in den "roten" Kreml, als der Bau mit Mauern aus roten Ziegel und den schwalbenschwanzförmigen Zinnen versehen wurde. Die virtuelle 3D-Rekonstruktion der verschiedenen Bauabschnitte ist absolut sehenswert.

Über all die Jahre wuchs nicht nur das Ensemble von Gebäuden, sondern auch der große Kremlschatz. Unter den in Bonn ausgestellten Stücken befinden sich wertvolle Pretiosen wie der einzige goldene Gegenstand des Schatzes: ein orientalischer Fingerring aus dem 13. Jahrhundert. Schon lange vor der Gründung der Kiewer Rus und der Annahme des Christentums 998 dominierte die Kultur Byzanz im russischen Reich. Der ausgestellte Silberschatz der Moskauer Großfürsten wurde kurz vor dem Einfall der Mongolen eiligst vergraben. Allerdings so gut, dass die letzten Stücke erst 1988 bei Grabungen entdeckt wurden.

Die Regenten im Rest von Europa ahnten lange Zeit nicht, welcher schlafende Riese sich dort im Osten verbarg. Die erste schriftliche Erwähnung in deutscher Sprache stammt aus dem Jahr 1518. Das änderte sich jedoch mit der Machtübernahme durch Iwan dem Schrecklichen. Von nun an rissen die Geschenksendungen von Osmanen, Deutschen und Schweden nicht ab, mit denen sie sich die Gunst des Zaren sichern wollten. Gesandtschaftsgeschenke wie kunstvoller Silberschmuck, verzierte Waffen und wertvolle Stoffe nehmen einen großen Teil der Ausstellung ein. Winston Churchill sagte einmal über das Riesenreich: "Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium". Die Ausstellung hat die Tür zu diesem Mysterium ein Stück weiter aufgestoßen.

Ausstellung: Der Kreml. Gottesruhm und Zarenpracht.

Noch bis zum 31. Mai, Bundeskunsthalle Bonn

Katalog: EUR 29,-


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