Friederike Haupt | Drucken08.06.2004 

Der ganz große Loop

Reisebrief: doku/fiction – Eine Ausstellung von, mit und über „Mouse on Mars”

Wie Musik von Mouse on Mars aussieht, zeigt die Ausstellung doku/fiction in Düsseldorf

Man stelle sich folgende Szene vor: Ein Stück elektronische Musik und ein Ausstellungsobjekt aus einem Museum treffen sich zufällig in einem In-Lokal. "Eigentlich könnten wir ja mal was zusammen machen", sagt die elektronische Musik nach ein wenig Smalltalk; darauf das Ausstellungsobjekt: "Ja klar, denn sooo verschieden sind wir ja eigentlich gar nicht." Das freut natürlich die Musik, und sie schlägt vor: "Wie wär's, wenn wir den Kunstspießern und Elektronerds mal zeigten, dass wir zusammen ziemlich gut sind?" Das Museumsding ist begeistert: "Yeah, bin dabei! Und ich weiß auch schon, was wir machen!"

So hat das natürlich nie stattgefunden. Aber wenn elektronische Musik und Ausstellungsobjekte abends in personifizierter Form in In-Lokalen verkehren würden, könnte es so stattgefunden haben - und das allein zählt. Das, was man noch bis zum 27. Juni 2004 in der Kunsthalle Düsseldorf sehen kann, könnte das Ergebnis eines solchen Gesprächs sein. In Wirklichkeit hatten Jan St.Werner und Andi Toma, Musiker und Schöpfer des Projekts Mouse on Mars, eine Idee: Remix-Alben, auf denen Musiker die Lieder anderer Musiker variieren und bearbeiten, gibt es viele; wie aber wäre es, ein Remix-Album der Mouse on Mars - Musik als Buch herauszubringen? Die Idee wurde weitergesponnen, man kam auf den Gedanken, statt des Buches eine Ausstellung zu machen, und schließlich setzten über 30 Künstler jeder Art ihre Ideen, Gefühle und Bezüge zu der anspruchsvollen Musik der zwei Elektroniker um - wohlgemerkt ohne dabei Musik in Musik abzubilden.

Auf Stimmungen in der Musik zu reflektieren und diese in ästhetische Drehbewegungen (Loops also) umzusetzen, komme es an, so Dietmar Dath - früher SPEX, heute F.A.Z. - in der Einleitung des Ausstellungskatalogs, und über Mouse on Mars: "Mutig vor der Kunst, verlegen vor Gott, brüderlich fehlbar in Angelegenheiten zwischenmenschlicher Termingeschäfte und stets interessiert daran, andere Richtungen zu finden, aus denen man als Erzeuger von Kunst mit den Verbrauchern der Kunst reden kann; Hauptsache: nicht von oben. Erklärt wird nur in Notwehr." Und so wird in der Ausstellung doku/fiction der Remix, die Kunst, zu einer Antwort auf die Musik. Ein Dialog, der schon lange fällig war.

Bemerkenswert ist, dass hier die Kunst nicht die Musik abbildet oder interpretiert, sondern sich ihrer Mittel bedient und diese quasi fortführt, weiterentwickelt. Ein Beispiel: Die Künstlerin Heike Baranowsky und ihre Installation Out of the Blue (Test 1). Hierfür wurde ein in der Zeitung gefundenes Bild von über Afghanistan kreisenden F 19 Bombern mit einem bewegten Film von der amerikanischen Wüste zusammengeschnitten. Künstlich entstehen hier zahllose Kondensstreifen, ein Kreis nach dem anderen, bis sie langsam wieder am blauen Himmel verdunsten. Künstlerische Mittel wie Loops (das stetige Wiederkehren der Kreise am Himmel) und Samples (der Einbezug des zufällig gefundenen Fotos), die besonders in der elektronischen Musik - so auch bei Mouse on Mars - eine große Rolle spielen, werden auf originelle Weise umgesetzt. "Das eine Zeichen scheint ein anderes werden zu wollen", so Jan St.Werner, und so abwegig ist das gar nicht.doku/fiction, so der Name der Ausstellung, und zwischen Dokumentation und Fiktion bewegen sich die Ausstellungsstücke auch. Da werden am gleichen Ort zu verschiedenen Zeiten aufgenommene Videosequenzen übereinandergeschnitten, während eine Straßenlaterne eine riesige angesengte Holzbox anstrahlt; da wird mittels wortspielerischer Bilder der Weg eines Tons von der Aufnahme im Ohr bis zur Wahrnehmung geschildert (Matthias Köchling: Gelangen Papa und Antoine auf ihrer Reise zum Südmeer? - der Titel ist eine Anspielung auf einen Mouse on Mars - Song) oder in einem meterlangen skurrilen Bild die Vielschichtigkeit elektronischer Popmusik festgehalten (Leif Trenkler: Hyde Park mit rotem Kanarienvogel). Stefan Kozalla, Musiker bei der Formation International Pony, steuert sein Bild Das letzte Hemd hat ganz wenig Taschen nur noch bei, Daniel Roth verziert ganze Wände mit hauchdünnen szenischen Zeichungen, und Jan de Cock sorgt mit seinen begehbaren Holzkonstruktionen dafür, dass aus tatsächlichem Platz Platz für Ideen wird.

Musik und Kunst also tatsächlich im Dialog. Dass es sich hierbei um mehr als eine Reaktion handelt, beweist die CD, die dem Katalog beigefügt ist: Mouse on Mars antworten musikalisch auf die Werke der Ausstellenden, der Kreis schließt sich, es könnte wieder von vorn losgehen. Dass viele Objekte der doku/fiction nicht ohne Katalog oder Führung eindeutig interpretierbar sind, ist dabei relativ unwichtig. Dietmar Dath erklärt: "Der schlimmste Irrtum beim Nachdenken über ästhetische Deutlichkeit ist der Aberglaube, Wörter, Farben, Formen oder Musik könnten in demselben Sinne deutlich sein, in dem eine Fotografie deutlich sein kann - das Missverständnis, 'deutlich' sei auf diesen Gebieten so etwas Ähnliches wie 'scharf'."

doku/fiction - Mouse on Mars reviewed & remixed

4. April - 27. Juni 2004, Kunsthalle Düsseldorf

Katalog: Die Gestalten Verlag, EUR 25,-

Konzeption: Peter Gorschlüter (Kunsthalle Düsseldorf)
Jan St.Werner, Andi Toma (Mouse on Mars)

Bilder:

Matthias Köchling
Gelangen Papa und Antoine auf ihrer Reise zum Südmeer?, 2003
Quicktime-Animation, 0:30 min., Loop

Heike Baranowsky
Out of the Blue (Test 1), 2003
Digitalprint, 20 x 25 cm
Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin

Jan de Cock
Denkmal 4, Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, Düsseldorf, 2004
Installationsansicht (Detail)

Leif Trenkler
Hyde Park mit rotem Kanarienvogel, 2004
Öl auf Holz, 200 x 1036 cm


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