Moritz Arand | Drucken21.06.2012 

Denkzeichen des alten Unfalls

Eine Meditation in der Street-Art-Kolumne

Bilder: Moritz Arand

Ich bin ein Liebhaber subtiler Wiederholung. Das kontinuierliche Auftauchen eines bestimmten, mal mehr oder weniger variierten Themas, für das man Augen haben muss, zaubert immer eine inwendiges Lächeln auf mein Gesicht. Manchmal streife ich durch die Straßen und suche in den Ecken, Winkeln und Nischen nach den Bewohnern dieser Peripherien. Ich stelle dann oft fest, dass der Versuch des Suchens nur selten von Erfolg gekrönt ist. Allzu oft ist es der Moment eines zufälligen Blicks, der eine Wand trifft, an einem Stromkasten vorüber eilt und das zuvor Gesuchte überrascht erschaut.
Im Fall der kugelrunden Figuren, die hier abgebildet sind, verhält es sich genauso. Wie der kleine bunte Zwerg in den He-man-Comics, der den Zuschauer am Ende befragt, ob er ihn im Verlauf der Folge gesehen hat und abschließend die Moral der Geschichte reflektiert, so offensichtlich verborgen sind die winzigen Kugeln mit ihren Strichextremitäten. Durch ihre sehr reduzierte Form der Darstellung, ihre scheinbare Leere lassen sie viel Raum für Spekulation. Mein erster Gedanke, den ich bei meiner Jagd nach den schwarzen Zwergen hatte, war platonischer Natur. Ich erinnerte mich an den Mythos der ursprünglichen Natur des Menschen, wie ihn Aristophanes in Platons Symposion den Anwesenden vortrug. In diesem griechischen Saufgelage stimmen verschiedene Protagonisten – unter ihnen auch Sokrates – Lobreden auf den Eros an. Im Hymnos des Aristophanes las ich, dass es in archaischen Zeiten ein drittes Geschlecht gab: das Mann-Weibliche! Es handelt sich dabei um einen radschlagenden kugelrunden Menschen, der große Gedanken hatte, dessen Natur eine ungeteilte war und der die Einheit von Frau und Mann verkörperte. Dieser Hermaphrodit war noch ganz, was heißt, er war noch nicht kaputt. Da aber der Mythos selten mit „Ende gut, alles gut!“ schließt, so musste auch die Natur dieses Urmenschen ein schlimmes Ende nehmen. Weil sie sich, der Hybris Rechnung tragend, einen Weg zum Himmel bahnen wollten, beschloss Göttervater Zeus, ihre Einheit zu trennen. Er schnitt sie in der Mitte durch und beauftragte Apollon die Gesichter um neunzig Grad zu drehen und die entstandenen Fetzen der Teilung an einem Punkt zusammenzunähen, so dass der Mensch immer an die Trennung erinnert werden sollte. Dieses Denkzeichen des alten Unfalls war und ist seitdem der Bauchnabel, der als Narbe immer auf die Teilung verweist. Und die Ironie der Geschichte ist die, dass ohne diese gewalttätigen Eingriff des Vaters, Eros nie in die Welt gekommen wäre. Denn was getrennt ist, sucht sich und versucht den Riss zu heilen. Die Liebe der Menschen zueinander ist damit der Versuch aus zweien eins zu machen. In diesem Versuch liegt die unheilvolle Voraussetzung aller romantischen Totalitätsbestrebungen, die ihre Tragik immer schon in sich tragen. Stopp!

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Das waren meine ausufernden Gedanken im Mahlstrom der Metaphysik, die sich mir beim Anblick des minimalistischen Eidos aufdrängten. Mir erschienen die aus Strichen und einem Kreis bestehenden Figuren in ihrer eindimensionalen Präsentation als die Hälften des einst ganzheitlichen Kugelmenschen. Ich witterte den Spitzbubenstreich, die Übertretung des Verbots, das hier rein rechtlich schon vorliegt. Mit ihrem flüchtigen Lächeln erinnern sie mich an die Figur des Narren, der scheinbar naiv sagen kann, was anderen versagt ist.

Sicher ist die Ironie, die sich hinter meinen Gedanken verbirgt, zum Teil kalkuliert, und das Pathos der Zeilen bringt sicherlich nicht nur mich zum Lachen – aber: In diesem Lachen liegt auch ein Schutz, eine Abwehr gegen den Gehalt dieser Gedanken.

Kunst ist, gleichviel, ob sie zerschneidet oder zusammenfügt, immer auch Verweis auf den aristophanisch unerhörten Vorgang der Trennung. Kunst kann in diesem Sinne der Nabel der Welt sein und als Nachhall des Schreckens ist sie im Stande die integrale Differenz nach außen zu projizieren. Sie sollte das Getrennte nicht als Makel betrachten.

Auch, wenn sich bei womöglich einer großen Zahl an unfreiwilligen Rezipienten dieser urbanen Straßenmalerei Widerwillen regt, so denke ich doch, dass dieser Text die Möglichkeiten einer Herangehensweise aufzeigt, die der Intoleranz entschieden entgegentritt. Im Angesicht trister Fassaden, deren Struktur die Fläche ist, und deren Farben mitunter an die Grenzen des guten Geschmacks stoßen, ist das Auftauchen solch eigenartiger Schmuckstücke ein wahrer Segen, der der Sterilität des Betons die lange Nase zeigt.

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