Moritz Arand | Drucken01.06.2012 

Recycelt die Recycler – Der Müll und seine Folgen

Die Street-Art-Kolumne ist wieder da. Heute: Müllmonster

Müllmonster von der Streetart-Gruppe Pers Art (Alle Fotos: Andreas Miller)

Vor ein paar Jahren hatte ich ein Gespräch mit einer in der Schweiz geborenen Freundin, in dessen Verlauf sie ihr Unverständnis über die Tatsache kundgab, dass es in Leipzig so wenig öffentliche Mülleimer gäbe. In der Schweiz, so die jetzt in München lebende Psychologin, sei das ganz anders. Quasi alle hundert Meter hätte man dort die Möglichkeit, seinen Müll zu entsorgen.

Ich fand dieses Thema damals interessant, habe aber in der Folge nicht sonderlich darauf geachtet, wie die Mülleimersituation in Leipzig wirklich ist. An dem Tag aber, an dem die hier gezeigten Fotos der Müllmonster, die die Leipziger und Berliner Streetart-Gruppe Pers Art kreieren und in allen Teilen Leipzigs aufstellen, geschossen wurden, erinnerte ich mich an die Anekdote und fand sie zur Gänze bestätigt.

Eklatant war die Situation im Clara-Zetkin-Park entlang der dort fließenden Elster. Von der Pferderennbahn bis zum Elsterwehr war es mir und meinem Fotografen nicht möglich auch nur einen Mülleimer zu finden, an den ich meine PET-Flasche hätte loswerden können. Auf der gleichen Strecke fanden wir allerdings auf den Brückenpfeilern vier der Müllmonster, die uns mit Schadenfreude die Zunge herausstreckten und die im Gegensatz zur sonst üblichen Graffiti-Kunst einen skulpturalen Beitrag zur Street-Art beisteuern.

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Und weil ich einmal im Clara-Park bin: Die Abwesenheit der Entsorgungsstationen zeitigt noch ein anderes Problem, das vor allem die Fahrradfahrer betrifft. Die Sachsenbrücke, Zentrum des Parks bei Tag und Nacht, ist ein Scherbenhaufen und symbolischer Gipfel der Verschrottung. Ein Radfahrer wie ich, der mit mehr als dünnen Reifen über die holprigen Straßen unserer Stadt geleitet, entwickelt jedes Mal eine unglaubliche Wut, sieht er die zerschmissenen Flaschen auf der Sachsenbrücke, deren Vorbesitzer vermutlich, vom alkoholischen Inhalt „debilisiert“, wie kleine Kinder hinter vorgehaltener Hand verschmitzt kichern, wenn das Glas auf dem Asphalt zerspringt. Vor allem im Dunkeln gleicht es einem artistischen Akt, wenn man in gekonnt reflexreicher Schlängellinienfahrt sein geliebtes Rad durch das Scherbenfeld manövriert.

Kein Mülleimer, nirgends. Was hier anwesend ist, ist die Abwesenheit. Ich hoffe, liebe Freundin, dass die Situation in München eine andere ist. Ich lese die Müllmonster mit ihrem schelmenhaften Grinsen, ihrer liebenswürdig-farbenfrohen Hinterhältigkeit, ihren sporadischen, mitunter unzugänglichen Aufenthaltsorten unter dieser Voraussetzung als einen leisen und charmanten Hinweis auf ein Fehlen der Möglichkeit der Entsorgung, und eine künstlerische Kritik an unserer Müllkultur. Was entsorgt ist, macht keinem mehr Sorge. Damit erübrigt sich die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?

Pers Art – Streetart aus Leipzig

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