Anja Szymanski | Drucken22.08.2002 

„Tapetenwechsel”

Französische Raumgestaltung und Innendekoration von 1730 bis 1960

Im Zeitalter der massengefertigten Raufasertapeten ist die Bedeutung der Künstler-Tapete seit Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen. Insofern zeigt die bewundernswerte Sammlung Bernard Poteaus - wenn man die Vergänglichkeit von Papier und alter, schon geklebter Wandtapete bedenkt - ein weitgehend abgeschlossenes Stück edler (sicher nicht nur) französischer Lebenskultur.

Höchstwahrscheinlich sind motivreich-farbige und groß-periodische Muster an den Wänden unserer im Mischmasch von Farben und Materialien vollgepfropften, eher kleineren Zimmer, undenkbar. Die nahezu konsequente Darstellung periodischer Elemente aber zeichnet die Künstler-Tapete aller vorangegangenen Jahrhunderte aus. Neben der optischen Wirkung von Periodizität - Räume wirken geschlossener und die sich stets wiederholenden Motive verhelfen zu einem mehr unbewusst wahrgenommenen stabilen Gesamteindruck - ist Periodizität natürlich eine Voraussetzung für die technische Reproduzierbarkeit und verbreitete Herstellung. Tapete als wahrhaftes Kunsthandwerk!

Erst mit der Erfindung der Papiermaschine etwa 1835 konnte das bis heute übliche endlose Papier in Rollen hergestellt werden. Bis dahin klebte der Tapeziermeister unzählige gleiche, separat hergestellte sog. Dominopapiere an die Wände. Solche einzelnen Handdrucke, mit einem Holzmodel erst schwarz vorbedruckt und dann farbig lasiert, sind echte Unikate und die ältesten erhaltenen Tapetenfragmente dieser Sammlung! Man kann vermuten, dass sie als Luxusartikel bevorzugt aus reicheren, repräsentativeren Haushalten stammten.

Das Papier, welches nicht überall als weniger wert galt, löste zunehmend Wandverkleidungen aus Holz, Stoff oder Stuck ab. Neben dem reinen Dekorationseffekt (allseits beliebt: zarte China-Blumen oder ?Vögel, überhaupt Blumen und Ranken, und natürlich Motive verehrter Götter der Antike oder ?Muster von Zimmer-Verzierungen nach architektonischen Regeln?) waren immer wieder Imitationen reicher Stoffe oder die von edlem Mauerwerk das Ziel der Tapetenmacher. Zwischen dem späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert begann in Frankreich durch eigene Produktion das goldene Zeitalter der Tapete. Die Sammlung zeigt einige Fragmente des großartigen Jean-Baptiste Réveillon (1725 - 1811), der die besten französischen Künstler als Dessinateure für seine Manufakturen anwarb. Erstaunlich, wie an der Wand (man muss schon ganz nah heran gehen, um das Papier als solches zu erkennen!) goldene Perlen aufgereiht zu sein scheinen, wie der blutrote "Samt" Falten schlägt oder riesige "Vorhänge" die Zimmer aufteilen. Manche der stilisierten oder naturalistisch floralen Motive sind wandgroß (ohne Periodizität) und zeigen die artifizielle Blüte der Tapetenkunst.

Durch nummerierte Tafeln (chronologisch den verschiedenen Zeitabschnitten zugeordnet) erhält der Besucher der Ausstellung Hinweise zur Herstellung der historischen Papiertapeten sowie einige kunstgeschichtliche Informationen, die ahnen lassen, dass Tapete nicht gleich Tapete ist und sich eine ganze Wissenschaft dahinter verbirgt. So folgt man gern den ausgelegten Pfaden im Dschungel der Muster und Symmetrien. Über Fragmente der Handdruckpapiere zu den damals weitverbreiteten natur-imitierenden Papiertapeten des 19. Jahrhunderts, bis hin zu den avantgardistischen der 20er Jahre. Deren Designer verwerteten - erstmalig und sehr interessant - die Zweidimensionalität. Die Ebene als Grunddimension jeder Papieroberfläche wurde zum vorrangigen Stilmittel. So sind z. B. seltsame, flächige Figuren (Küken?), die zwischen zwei kreuzenden Linien angeordnet sind, ganz witzig anzuschauen, zumal aus der Ferne der Eindruck der reinen Periodizität überwiegt.

Wer ein wenig Phantasie und Lust hat, kann aus der Wirkung der ausgestellten Tapetenstücke (aus mehr als zwei Jahrhunderten) ganze Räume und Säle wiederentstehen lassen. Fast ist es ein bisschen schade, dass man heute wieder mit der nackten Wand leben kann und sie nicht mehr unbedingt dekorieren muss.

"Tapetenwechsel" - Französische Raumgestaltung und Innendekoration von 1730 bis 1960

27.06.-22.09.2002. Museum für Kunsthandwerk, Grassimuseum (Interim)


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