Interview: Andreas Möllenkamp | Drucken22.05.2010 

Unter Beobachtung

Christian Liebermann im Interview zu seiner Ausstellung im Kunstverein Leipzig

Christian Liebermann

Andreas Möllenkamp, Leipzig-Almanach: Unter Beobachtung ist der Titel Deiner aktuellen Ausstellung im Kunstverein Leipzig. Was bedeutet er? Und was sagt er über Deine Ausstellung und Deine Arbeit?

Christian Liebermann: In meiner Arbeit geht es um den Prozess des Beobachtens. Ich gehe der Frage nach, bin ich Beobachter oder Beobachteter? Und davon abgeleitet: Bin ich Handelnder oder Geleiteter? Welche Perspektiven auf das Leben bestimmen mein eigenes Leben? Dafür eine Form zu finden, daraus besteht meine Arbeit.

Möllenkamp: Du reflektierst in Deinen Arbeiten die Bedingungen des urbanen Lebens und deren Wirkung auf den Menschen. Was sind für Dich dabei die zentralen Themen? Und wie bearbeitest Du diese?

Liebermann: Die Menschen benutzen täglich, überall auf der Welt, sich immer mehr vereinheitlichende Codes und Hilfsmittel für ihre Kommunikation und passen ihre sehr unterschiedlichen Vorstellungen diesen Codes und Hilfsmitteln an. Es gibt also auf der einen Seite eine Entwicklung hin zu einer Vereinheitlichung der Sprache und Kommunikationsformen. Auf der anderen Seite klaffen unterschiedliche politische Auffassungen, Weltbilder und Ideologien immer mehr auseinander. Der islamische Fundamentalist benutzt die Internetplattform YouTube genauso wie ein Schüler aus Berlin Zehlendorf. Diesen Vorgang spiegele ich in der formalen Struktur meiner Collagen. Jedes einzelne Teilbild meiner Collagen wird in ein vorgegebenes Raster eingefügt. Das Raster steht dabei für die vereinheitlichende Sprache, die uns überall umgibt. Die inhaltlichen Gegensätze zwischen den einzelnen Bildern treten damit umso deutlicher hervor. Die Bilder bestehen zum Beispiel aus einer intuitiven subjektiven Zeichnung, einem abfotografierten Ausschnitt aus einer Werbebroschüre, einem Piktogramm oder einem Foto.

Möllenkamp: Über die Collagen hinaus arbeitest Du auch mit Installationen und dem Raum selbst. Dabei nimmst Du selbst Umcodierungen des Ausstellungsraums, wie auch des öffentlichen Raums vor. Was ist Dir dabei wichtig, und wie gehst Du vor?

Liebermann: Wenn ich eine Arbeit an einem bestimmten Ort realisiere, gibt dieser Ort, zum Beispiel das Raster eines Schaufensters, den formalen Rahmen vor. Außerdem bringt der Ort einen Assoziationsrahmen mit. Verwende ich eine Werbefläche, spiele ich mit ihrem ursprünglichen Zweck: Der Betrachter wird irritiert, weil er nun auf einer Werbefläche keine Werbung, sondern eine Zeichnung sieht. Ich setze der vorhandenen Wirklichkeit damit zeichnerische Perspektiven entgegen und erweitere den vorhandenen Raum, indem ich mit Linien auf Wand, Fußboden und Decke neue Räume öffne.

Möllenkamp: Dadurch entstehen Situationen, in denen alltägliche Wahrnehmungsformen und Handlungsmuster auf spielerische Art gebrochen werden. Wie würdest Du diese Brechung beschreiben? Welche Wirkungsweisen sind dabei intendiert?

Liebermann: Meine Arbeiten fordern den Menschen dazu auf, sich seines eigenen Standpunktes zu vergewissern und diesen zu hinterfragen. Das geschieht, indem ich mehrere bildnerische Sichtweisen gleichzeitig anbiete und gegenüberstelle. Als Betrachter kann ich mich auf den realen Raum konzentrieren, in dem ich mich befinde, oder auf die gezeichnete Illusion auf der Wand dieses Raumes einlassen. Wenn ich ein Paparazzifoto mit einem gezeichneten Beobachter konfrontiere, tritt der Akt des Betrachtens in den Vordergrund. Als Beobachter kann ich mich entscheiden, ob ich zum Spanner werde oder mich mit der Figur auf dem Paparazzifoto identifiziere und damit selbst zum Betrachteten werde.

Ein- und Ausblicke: Außenansicht der Ausstellung im Kunstverein Leipzig (Fotos: Christian Liebermann)

Möllenkamp: Der Kunstverein befindet sich im Leipziger Kolonnadenviertel, das architektonisch durch Experimentalplattenbau geprägt und sozial sehr heterogen zusammengesetzt ist. Der Ausstellungsraum war mal ein Lebensmittelladen. Wie orts- und kontextspezifisch hast Du Dein Ausstellungsprojekt hier entwickelt? Anders herum gefragt: Wie ortsunabhängig sind Deine Arbeiten?

Liebermann: Orte für sich genommen sind nicht mein Thema, aber ihre spezifischen Eigenschaften spielen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung meiner Installationen. Die Eingangstür zum Kunstverein und die Fenster zur Straße erinnern immer noch an die frühere Nutzung der Räume. Dieser Assoziationsraum fließt als Perspektive in meine Installation ein. Das Schaufenster dient zum Beispiel als Membran zwischen Menschen, die hereinschauen und Menschen, die hinausschauen.

Möllenkamp: Wie haben sich Dein Interesse und Deine Arbeit denn eigentlich entwickelt? Die Medien, mit denen Du arbeitest, haben sich erweitert. Deine Themen scheinen sich dabei aber zu verdichten.

Liebermann: Meine künstlerische Arbeit begann mit der Faszination für die räumliche Wirkung von Architektur. Konstruktive und geometrische Strukturen bildeten daher die Grundelemente meiner ersten künstlerischen Arbeiten. Es entstanden transparente Holzkonstruktionen, bemalte Reliefs und Raumzeichnungen. Die formalen Anschauungen und Untersuchungen genügten mir aber bald nicht mehr. Ich erweiterte die leeren Räume zu Bühnen und bevölkerte diese mit geschnitzten und bemalten Holzfiguren. Daneben hängte ich Zeichnungssequenzen: eine Art zeichnerischer Film zur Situation. Die Bühnen, die ich entwarf, entlehnte ich Orten und Gegebenheiten in U-Bahnhöfen. Diese Orte schienen mir interessant, weil es Orte ständiger Bewegung, Beobachtung und Begegnung sind. Die Augenblicke in U-Bahnstationen wandelte ich dann in meine stark abstrahierte und konstruktive Formensprache um. Mich beschäftigt die Frage, welche Wirkung Architektur, Werbung, Medien und Leitsysteme in unserer Umgebung auf die Menschen haben und welche Rolle sie für sie spielen. Woraus sich gleichzeitig die Frage ergab, welche Wirkung, die von mir verwendete Bildsprache auf die Betrachter hat. Die Medien, mit denen ich arbeite haben sich dabei erweitert, um verschiedene Perspektiven besser voneinander abgrenzen zu können. Insgesamt hat sich das Verhältnis von Form und Inhalt in meiner Arbeit mit der Zeit stark verändert und ausdifferenziert.

Möllenkamp: Zum Schluss noch ein Ausblick: Woran arbeitest Du gerade und welche Projekte planst Du in Zukunft?

Liebermann: In meinen Arbeiten taucht Schrift bisher als Teil von Zeitungsartikeln und Werbebroschüren auf, die ich als Teil meiner Collagen und Installationen zum Beispiel einer Zeichnung gegenüberstelle. Die inhaltliche Botschaft ist dabei oft abgeschnitten oder tritt hinter dem optischen Eindruck des Layouts zurück. Ich will nun die einzelne Botschaft, zum Beispiel eine Artikelüberschrift, aus dem Layout der Zeitung entnehmen. Um den Blick wirklich auf den Inhalt zu lenken, werde ich sie zentral platzieren und mit einer für den Inhalt untypischen Typographie schreiben. Seit einiger Zeit arbeite ich auch mit bewegten Bildern, die ich unter anderem in der S-Bahn oder auf der Straße aufnehme. So wie ich in den Collagen Zeichnungen und Fotos gegenüberstelle, schneide ich später abgefilmte Zeichnungen als stehende Bilder in diese Filme. Als Projektion werde ich diese auch in meine Installationen integrieren.

Christian Liebermann: Unter Beobachtung

Ausstellung vom 14. Mai bis 13. Juni 2010, Kunstverein Leipzig

Künstlergespräch: Samstag, 29. Mai, 15 Uhr

www.kunstvereinleipzig.de

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