Moritz Arand | Drucken23.07.2012 

Werkstatt und Kunstgeschichte

Im Westpol a.i.r. space treffen Kunst und Design auf spielerische Art aufeinander

Paravent (Foto: Andreas Miller)

Anlässlich des letzten Westbesuches, der einher ging mit dem Trödelmarkt auf der Karl-Heine-Straße, widmete der Westpol a.i.r (Artist in Residenz) space seine 8. Ausstellung mit dem Titel art lounge dem Thema Kunst und Design. In dem seit September 2011 existierenden Kunstraum, dessen Veranstaltungen von Ina Köhn und Sebastian Denda organisiert werden, waren Arbeiten zu sehen, die sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design bewegten und in ihrer je eigenen Art und Weise verschieden interpretierten.

Die regressiv-träumerischen Bildkombinationen von Yonas Dias, die Kinderköpfe, Frauenportraits und Strandbesuche melancholisch zusammenstellen, wirken wie Relikte aus verlebter Zeit, sprechen als Trauerwort zum Betrachter und vermitteln in ihrer schemenhaften Tiefe ebenfalls eine alptraumhafte Aura, die sich hinter dem Erinnerungsraum zusammenballt. Yonas Dias versuchte den Raum als Objekt, als Ort des Geschehens mit einzubeziehen, um seine Kunst als Handwerk begehbar und erfahrbar zu machen. Jedoch gelang dieses Anliegen mehr durch die Bilder selbst, als durch den Raum, in dem sie wirken wollten.

Die Arbeiten von Stephan Jäschke, Meisterschüler bei Prof. Astrid Klein der Hochschule für Grafik und Buchkunst, setzen sich mit der Kunstgeschichte der Moderne auseinander, wagen dabei aber ebenfalls einem Seitenblick auf angewandte Kunst und Design. Auch die Raumobjekte und Wandarbeiten, die im Ausstellungsraum verteilt aufgebaut waren, zeigten Reminiszenzen an künstlerische Formate der Moderne, vollzogen jedoch einen radikalen Schnitt der bildnerischen Konvention. Die durch den Kanon der Moderen intendierten Matrialexperimente mit kunsthistorischen Bezug zeigten ein scheinbar dilettierendes Spiel naiver Kombination der verschiedenen Werkstoffe. So könnte man das Gemälde, auf dem eine Kerze zu sehen ist, als Verweis auf die Kerzenbilder Gerhardt Richters lesen.

Bildergalerie10 Bilder 

 

 

Bildergalerie: Bild 1: Andreas Miller, Paravent; Bild 2: Patrick Eicke, o. T.; Bild 3: Sebastian Denda, Die schiere Mühelosigkeit – Das Einfache ist das Schwere; Bild 4: Stephan Jäschke, o. T.; Bild 5: Stephan Jäschke, o. T.; Bild 6: Westpol a.i.r. Space; Bild 7: Yonas Dias, o. T.; Bild 8: Yonas Dias, o. T.; Bild 9: Yonas Dias, o. T.; Bild 10: Yonas Dias, o. T.; Fotograf Bild 1 und 6: Andreas Miller, alle anderen: Moritz Arand

Die Zollstockarbeit von Andreas Miller mit dem Titel Paravent, ist ebenfalls ein Spiel, mit dem die Möglichkeiten des Materials ausgelotet werden sollen. Bei der aus 162 Zollstöcke bestehende Arbeit, die für diesen Raum konzipiert wurde, richtete sich das Augenmerk mehr auf die durch das Stapeln erzeugte grafische, farbige Musterung der verschieden Aufdrucke, als auf das Maß der Messhilfen. Die Opazität des transluzenten Materials hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Wirkt der Paravent aus dem eine Blickwinkel als schützende Wand, hinter der man – der üblichen Gebrauchsweise folgend – die Hose wechseln könnte, zeigt er gegen das Licht betrachtet seinen halbdurchlässigen Charakter, der gewisse voyeuristische Anteile nicht verbergen kann. Dem architektonischen Verweis auf die Miniatur eines Hochhauses widerspricht die äußere Fragilität des Exponats.

Sebastian Dendas monochrome Arbeit zeigte ein Dachflächenfenster, dass bespannt und weiß grundiert wurde. Das reliefartige Bild, das zum räumlichen Gemälde tendiert stellt auf ironisch-poetische Weise die altbekannte Frage, ab wann ein Bild ein Bild ist. Auch wirkte es dem Kolorit der Arbeiten von Stephan Jäschke, trotz seiner Massivität, beruhigend entgegen.

Neben einer Landschaftsmalerei von Patrick Eicke, die Anleihen bei Nolde und Cézanne nimmt, waren des Weiteren handgefertigte Papierlampions aus der Werkstatt Lampionade von Alexander Voigt zu besichtigen.

Die Ästhetik des Wiederverbrauchswertes, die sich an der Materialwahl der Arbeiten erkennen ließ, versucht sich immer gegen die Verwendbarkeit zu wehren, baut einen Widerstand gegen die Nutzbarkeit auf. Entziffert man die Kryptik der Materialexperimente, eröffnete sich dem Betrachter in dem pseudokathedralen Raum des Westpols ein ganzer Kosmos an Bezügen, ohne die die weiße Wand nur weiß geblieben wäre.

Westpol a.i.r. space

art loung

(mit: Sebastian Denda, Yonas Dias, Patrick Eicke, Stephan Jäschke, Andreas Miller und Alexander Voigt)

11. Juli – 21. Juli 2012

http://westpol-air-space.de/
www.andreasmiller.de
http://stephanjaeschke.tumblr.com/
www.yonasdias.fotograf.de/
http://lampionade.wordpress.com/about/

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