Kathrin Rahmann | Drucken14.02.2018 

Skurriles Eigenleben

In Rivka Galchens Erzählband „Amerikanische Erfindungen“ erleben die Figuren Beunruhigendes

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Wenn Sie erführen, dass Ihr Mann einen Blog darüber betreibt, dass er Sie nicht ausstehen kann, oder wenn Sie vom Kino nach Hause liefen und träfen auf der Straße Ihre Möbel, was würden Sie tun? Oder gesetzt den Fall, Sie gingen in die nächste Dönerbude und träfen dort ihren verstorbenen Vater, würden Sie sich zu ihm setzen? Könnte auch sein, dass Ihr Bekannter, das verkannte Genie, Sie eines Tages bäte, ihn umzubringen, um eine Zeitreise zu ermöglichen … Würde Sie das beunruhigen?

Rivka Galchens Figuren widerfährt genau dies. Sie sehen sich urplötzlich mit dem bis dahin für unmöglich Gehaltenen konfrontiert. Wo andere sich professionelle Hilfe suchen würden, tun sie – immerhin sind sie Bürger des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten – gar nichts. Sie akzeptieren das Undenkbare, das ihre Existenz grundsätzlich bedrohen müsste, als wäre es das Gewöhnlichste der Welt. Mit feinem Humor und einem genauen Blick erzählt Galchen über eine Generation von Frauen – Mitte dreißig, kinderlos, beruflich mehr oder weniger erfolgreich, aber nicht mittelos – deren wichtigste Eigenschaft darin zu bestehen scheint, dass ihr Leben ohne sie abläuft. Neben der Lebenswelt der Figuren tut sich eine zweite Realität auf, die ihnen bisher verborgen war. In der Titelerzählung Amerikanische Erfindungen wächst einer Frau eine dritte Brust auf dem Rücken. Wochen später stellt sie fest, dass ein Foto der dritten Brust in den sozialen Netzwerken die Runde macht. Ihr Leben hat sich weitergelebt, ohne dass sie dazu beigetragen hätte. Es gelingt Galchen auf wunderbare Weise, die Frage nach Identität neu zu stellen.

Der Zauber der Geschichte ist aber gleichzeitig auch ihre Crux: Die matten, unentschiedenen Figuren können sich gegenüber der Leuchtkraft dessen, was ihnen wiederfährt, nicht behaupten. Sie stehen inmitten dieses Arrangements wie bestellt und nicht abgeholt. Das Beunruhigendste daran ist vielleicht, dass es einen als Leser so wenig beunruhigt.

Amerikanische Erfindungen. Storys

Von Rivka Galchen

Aus dem Englischen übersetzt von Grete Osterwald und Thomas Überhoff

Rowohlt Verlag

Reinbek 2016

203 Seiten, 19,95 Euro


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