Fabian Stiepert | Drucken23.09.2016 

Just do it!

„Der Kreis“ ist der fünfte Band in Andreas Maiers grandioser Wetterau-Chronik. Es wirkt wie ein elegantes Zwischenspiel und führt uns zum Kern aller Kunst

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Seit dem Jahr 2010 schreibt Andreas Maier an seiner auf elf Bände angelegten Chronik über seine Heimat, die Wetterau. War die Wetterau früher ein beliebter Vorort nördlich von Frankfurt, ist sie heute eher bekannt für ihren Rasthof und die umliegende Autobahn. Andreas Maier ist in den 1970er und 80er Jahren in der Wetterau aufgewachsen und möchte der Gegend von damals mit seiner Chronik, vergleichbar mit Peter Kurzecks „Das alte Jahrhundert“, ein Denkmal setzen. Die Inspiration durch den 2013 verstorbenen Peter Kurzeck nimmt kaum Wunder. Maier hat einst einen rührenden Nachruf auf den hessischen Erinnerungskünstler in der ZEIT geschrieben.

Der neueste, fünfte Band der süffig, aber nicht anspruchslos zu lesenden Wetterau-Saga scheint nun eine Art „Intermezzo“ zu bilden, da er sich im Vergleich zu den vier Vorgängern im Besonderen mit mehr als einem Thema beschäftigt. Ging es in den letzten beiden Romanen „Die Straße“ und „Der Ort“ fast einzig um den Bau einer Umgehungsstraße (daher auch der Titel der Chronik: „Ortsumgehung“) und die ersten sexuellen Erfahrungen, die mit dem Aufklärungs-Vokabular der Dr. Sommer-Kolumnen in der Bravo sprachlich unterfüttert wurden, so werden nun in „Der Kreis“ erstmals mehrere Themen und Ereignisse aufgearbeitet und mit größeren Zeitsprüngen erzählt.

Maiers Ich-Erzähler durchstöbert, getrieben von kindlicher bis frühpubertärer Neugierde, die Bibliothek seiner Mutter, in der er Lexika, die großen Philosophen und auch Dichter – im Besonderen den heute eher vergessenen Friedberger Fritz Usinger – kennenlernt. Natürlich ist dieses ziellose Stöbern auch mit einer gewissen Form der Überforderung verbunden, aber wann ist man empfänglicher für Unverständliches als in der beginnenden Jugend?

Das Kern-Ereignis und wichtigste Erweckungserlebnis stellt aber ein Rock-Konzert dar, welches der Erzähler in Begleitung des großen Bruders in Frankfurt besuchen darf. Wer selbst einmal unter Beobachtung älterer Geschwister in die Diskothek durfte oder auf ein Konzert, der wird das in dieser Passage des in Versatzstücken konzipierten Romans beschriebene Gefühl des „betreuten Erwachsenwerdens“ gut nachvollziehen können. Da man sich endlich mit Älteren unterhalten darf ohne sofort das Gefühl zu haben aufgrund des Altersunterschiedes für völlig minderbemittelt gehalten zu werden, verfügt man als Jugendlicher erstmals über die soziale Kompetenz, um wirklich Zugang zur Welt der vermeintlich Erwachsenen zu haben.

„Der Kreis“ wird somit zum Buch voller Initiationserlebnisse und Epiphanien, die aber nicht als donnernd laute Geistesblitze, sondern überraschend wie überragend subtil aufs Tapet gebracht werden. Maier ist also ein Chronist, der aus dem Beiläufigen eine große Genauigkeit erschaffen kann, ohne dass man am Ende genau sagen kann wie er das handwerklich geschafft hat. Und ob Andreas Maier es schaffen wird noch sechs weitere Bände über die Wetterau zu schreiben, das sollte gar keine Frage sein. Ruft einem dieses Buch doch sanft das Motto entgegen, welches die Überschrift dieser Rezension bildet und Shia LaBeouf und einem großen Sportartikelherrsteller als Slogan dient. Tun Sie es einfach. Lesen Sie dieses Buch.

Andreas Maier: Der Kreis

Erschienen bei Suhrkamp 2016,

146 Seiten, 20 Euro


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