Steffen Kühn | Drucken28.03.2014 

Im Minenfeld der Ost-West-Debatte

Mit ihrem Interview-Buch „Der Osten ist ein Gefühl“ schaltet sich Anja Goertz sehr behutsam in die festgefahrene Diskussion über Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen ein

Die Gespräche, die in Der Osten ist ein Gefühl aufgezeichnet wurden, setzen am Fundament an, in der Sozialisation der Personen, im Privaten und allzu Menschlichen. Es ist eine große Leistung, wie es die Autorin geschafft hat, sich Zugang zu den Gefühlen der Gesprächspartner zu verschaffen. Oft steht am Anfang einer solchen Begegnung ein pauschales Statement wie „Ich weine der DDR keine Träne nach“. Im Gespräch merken die Menschen dann, das es nicht möglich ist, die eigene Vergangenheit zu pauschalisieren. Anja Goerz hilft dem Gesprächspartner (und damit auch dem Leser), sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, ja teilweise zu versöhnen.

Der Beitrag mit Hans Joachim Maaz, dem bekannten Psychologen aus Halle an der Saale am Ende des Buches zieht auf fast ungewollte Weise ein Resümee der Lebensbeichte: „Der Osten muss von den Schwierigkeiten des Westens erfahren und der Westen auch die positive Seite des Ostens akzeptieren!“ Was so einfach klingt, ist im gesamtdeutschen Alltag leider immer noch die Ausnahme. Die Erfolge der Partei Die Linke im Osten werden von vielen Westdeutschen mit dem Hinweis auf die geistige Beschränktheit durch die Ostsozialisation abgetan. Auf der anderen Seite beschweren sich viele Ostdeutsche immer noch über den westdeutschen Hang zum Positivismus und zur Übertreibung, ohne zu erkennen, das sich dahinter aber die westdeutsche Art, durchs Leben zu kommen, versteckt. Wahrscheinlich werden das Buch nur wenige Westdeutsche lesen, der zweite Teil mit dem Titel Der Westen ist ein Gefühl muss schleunigst geschrieben werden.

Anja Goerz: Der Osten ist ein Gefühl

Mit s/w-Fotos

dtv Premium

München 2014

200 Seiten – 14,90 €


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