Fabian Stiepert | Drucken20.05.2016 

Neue Perspektive auf die Perspektivlosen

Anna Katharina Hahn hat einen Roman über die jungen Erwachsenen Spaniens geschrieben. Es ist wohl das beste Buch dieses Frühjahrs

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Wer die in Stuttgart lebende Schriftstellerin Anna Katharina Hahn live erlebt, der kann sich des Eindrucks kaum verwehren, dass die öffentlichen Auftritte, die zum Promo-Tamtam eines neu erschienenen Romans gehören, nicht so ihr Ding sind. Aus diesen Beobachtungen heraus könnte man glatt die steile These aufstellen, dass Anna Katharina Hahn gerne zumindest teilweise mit einer Figur aus ihrem neuesten Roman tauschen würde. Doch dazu später mehr.

Wenn die Welt gerecht wäre, dann hätte Hahns mittlerweile dritter Roman Werbung und Literaturbetriebszirkus kaum nötig. Die Handlung von Das Kleid meiner Mutter ist im Sommer des Jahres 2012 in Madrid angesiedelt und die Heldin der Geschichte ist die Mittzwanzigerin Ana Maria, die aber von allen nur Anita oder aber auch Anita Nanita genannt wird. Anita gehört der „verlorenen Generation“ an, die trotz guter akademischer Ausbildung in der Wirtschaftskrise keinen vernünftigen Job findet. Und wenn doch mal eine Stelle in greifbarer Nähe ist, wird die so miserabel bezahlt, dass der Auszug aus dem elterlichen Zuhause doch eine Wunschvorstellung bleibt. Kein Wunder also, dass Anita mit ein paar ihrer Freunde und Leidensgenossen eine Protestgruppe gründet, die neben rauschhaften Spontanparties auch versucht ihrem Unmut in den Parks der spanischen Metropole Luft zu machen. Nur Anitas Bruder hat in der Misere das scheinbar bestmögliche gemacht und sich nach Berlin abgesetzt. Anstatt dort das süße Leben als Kulturspanier mit umgehängter Analogkamera zu genießen, muss er trotz Doktortitel in der Germanistik sein Geld sauer auf einer Baustelle erschuften. Fraglich, ob diese Entscheidung klüger war als die seiner Schwester, die immer noch ihren Eltern auf der Tasche liegt, obwohl alles außer Arbeitsplätzen vorhanden ist, um beruflich durchzustarten.

Als Anita an einem Samstagnachmittag nach Hause kommt, macht sie eine unerwartete wie betrübliche Entdeckung. Ihre Eltern Oscar und Blanca liegen tot im Bett. Eigentlich sollte es zu dritt ins Wochenendhaus in einem kleinen Dörfchen unweit der spanischen Hauptstadt gehen. Dieser wie auch viele weitere Pläne müssen nun über den Haufen geworfen werden. Wie vor allem soll der Haushalt nun finanziert werden, wenn das sowieso schon eher schmale Gehalt von Vater Oscar als Literaturkritiker nicht mehr ausbezahlt wird?

Anita schiebt diese Bedenken, anstatt ausgiebig zu trauern, sanft beiseite. Da ihr immer wieder eine übergroße Ähnlichkeit mit ihrer Mutter nachgesagt wurde, macht sie die Probe aufs Exempel und zieht sich das titelgebende Kleid ihrer Mutter über. Und siehe da: fast jeder hält sie für ihre Mutter Blanca, deren Alltag sie nun voller Neugierde erkunden kann. So gerät sie immer wieder in Auseinandersetzungen mit ihrer impulsiven Nachbarin und wird zur Protagonistin in einer überkandidelten Kunstperformance. Niemals hätte Anita gedacht, dass der Alltag ihrer Mutter so verrückt und abwechslungsreich ausfällt. Dass ausgerechnet der von Vater Oscar so bewunderte Schriftsteller Gert de Ruit einen Keil zwischen das sonst so mustergültige Ehepaar treibt, hätte Anita am allerwenigsten erwartet.

Gert de Ruit ist die besagte Figur in diesem aufregenden, perfekten Sommer-Roman, mit der Anna Katharina Hahn bestimmt – wie eingangs erwähnt – gerne tauschen würde. Denn Gert de Ruit hat Zeit seines schriftstellerischen Schaffens nur einen öffentlichen Auftritt bei der Gruppe 47 hingelegt und sich nach dem Verkennen seines Textes durch die anwesenden Kritiker nie wieder irgendwo blicken lassen. Sogar sein ihm treu ergebener Verleger hat nur telefonisch oder schriftlich mit seinem besten Pferd im Stall Kontakt gehabt und Insider spekulieren darüber, ob ihr Lieblingsautor nicht sogar Menschenleben auf dem Gewissen hat. Anna Katharina Hahn hat sich mit dieser Schriftsteller-Figur ein Phantom ausgedacht, dass in Sachen Mystik und Versteckspielerei einem J. D. Salinger oder Thomas Pynchon in nichts nach steht. Inwieweit Gert de Ruit das Leben von Anita, Oscar und Blanca beeinflusst hat, das sei an dieser Stelle im Dunkeln belassen. Aber so viel sei verraten: das Finale dieses Romans ist atemberaubend.

Das Kleid meiner Mutter ist ein für eine deutschsprachige Gegenwartsautorin eher ungewöhnlicher Roman. Berlin wird am Rande mal erwähnt, die Provinz spielt gar keine Rolle und Madrid wird so lebhaft beschrieben, dass man fast glauben mag, dass die Autorin schon seit Jahren dort und nicht in Stuttgart lebt. In Anbetracht dieser Abgewandtheit von Deutschland (in ihrem letzten Roman setzte sich Anna Katharina Hahn noch ausführlich mit dem Bildungsbürgertum Stuttgarts auseinander) möchte man schon fast, aber nur fast das Wort Weltliteratur in den Mund nehmen. In seiner kindlichen, aber niemals dümmlichen Verspieltheit erinnert der Roman außerdem an die Filme der Nouvelle-Vague-Legende Jacques Rivette, und zwar in erster Linie an sein Meisterwerk Céline und Julie fahren Boot, in der ebenfalls eine Großstädterin durch magisch wie fantastisch erscheinende Vorgänge aus der Realität gerissen wird.

Alles in allem betrachtet ist Das Kleid meiner Mutter der größte Geniestreich der deutschen Gegenwartsliteratur in dieser Frühjahrssaison. Zu jeder Zeit hält Anna Katharina Hahn alle Fäden in ihrer zu Beginn einfachen und nach und nach immer komplexer werdenden Erzählung zusammen und trotz etlicher inhaltlicher wie zeitlicher Ebenen wird der Roman nie unübersichtlich oder unzugänglich. Ganz im Gegenteil: die Faszination wird mit jeder umgeblätterten Seite größer. Das entrückte, verzauberte Rauschgefühl überträgt sich von der Hauptfigur Anita unmittelbar auf den Leser und nach beendeter Lektüre muss man sich ernstlich fragen, wieso dieser wirklich großartige Roman nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter

Suhrkamp Verlag

Berlin 2016

311 S., 21,95 €


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