Benjamin Brückner | Drucken15.07.2012 

Der Mensch in mir

Die Biographie „Zwei Leben“ erzählt von Samuel Koch – dem Kandidaten, der bei „Wetten, Dass..?“ tragisch verunglückte und auf erstaunliche Art und Weise mit den Folgen umgeht

Ein junger Mann, vital und fröhlich, den Körper in etlichen Turnstunden geformt und bis auf wenige Rückschläge erfolgreich in allem, was er anpackt. Schauspielen, Wettkämpfe, Jobangebote – die Fortschritte von Samuel Koch, diesem jungen Mann aus Neuwied, schienen kein Ende zu nehmen. Bis zu jenem Tag, dem 4. Dezember 2010, an dem Millionen deutsche Fernsehzuschauer mitansahen, wie dieser potentielle Tausendsassa auf dem Boden aufschlug und reglos liegen blieb. Und mit ihm der Glaube an die Unschuld der Familienunterhaltung. Ein Jahr später: Samuel ist nach wie vor fast vollständig gelähmt. Rund-um-die-Uhr-Pflege ist überlebensnotwendig. Nur die Lippen und einen Finger zur Steuerung seines hochtechnisierten, fahrbaren Rollstuhls kann er ein wenig bewegen.

Gemeinsam mit Journalist Christoph Fasel hat Samuel nun seine Geschichte in ein Buch gefasst. „Wieder so eine Promi-Geldschneiderei!“, mag der skeptische Leser womöglich denken. Und natürlich ist es eine Tatsache, dass dieses Buch zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt erscheint. Ein Jahr nach der Katastrophe ist die Neugier bei vielen Fernsehzuschauern groß. Der Beweis dafür: Nach wie vor nimmt Zwei Leben die Pole-Position in der Spiegel-Bestsellerliste ein. Dahinter steckt ein Marketingkalkül, an dem viele Leute verdienen. Das spricht dem Buch jedoch nicht seinen Wert ab.

Denn die hohe Sensibilität, mit der der langjährige Journalist und Samuel die Leser an die schwierige Lage heranführt, ist beachtlich. Den Leser erwartet keine Dramatisierung der Ereignisse, dafür umso mehr sachliche Schilderungen sowohl der äußeren Umstände als auch der Innenwelt des Betroffenen.

Samuels Beschreibungen zeigen den inneren Reifeprozess eines jungen Mannes, der gerade am eigenen Leib lernt, welch horrende Tiefschläge das Leben zu bieten hat – solche, die die Gefahr bergen, nicht verdaut zu werden. Das Werk erschien im christlichen Adeo-Verlag. Immer wieder betont Samuel die tiefe Verbundenheit zum Glauben, der ihm Hoffnung spendet und neue Sichtweisen auf seine schwierige Situation eröffnet. Und zwar keinesfalls in Form einer Flucht, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Ist-Zustand. Samuel sieht sich nicht als Opfer des Schicksals. Ihm ist klar, dass er die Verantwortung für seine Entscheidung und die damit verbundenen Konsequenzen selbst trägt. Und dass seine Hoffnung, wieder laufen zu können, stur erscheinen mag.

Zwei Leben ist keine klassische Biographie, die sich an den Lebensstationen entlanghangelt. Es ist eine Geschichte für den Leser, die davon erzählt, wie unvorhergesehen und wandelbar das vermeintlich bekannte Leben ist und davon, wie schnell jeder Einzelne herausgerissen werden kann, auch wenn er keine waghalsigen Sprünge über fahrende Autos macht. Die wirkliche Kernaussage, die berührende Botschaft aber ist, dass der Mensch selbst damit fertig werden kann, auch wenn es schwierig ist, dorthin zu gelangen. Dies ist nicht in dem Sinne gemeint, dass der vorherige Zustand wiedererlangt werden kann, dem auch Samuel immer noch häufig hinterher trauert, sondern mit Akzeptanz und innerer Bereitschaft.

Der schonungslos offene Umgang mit Fort-und Rückschritten, Enttäuschungen und Hoffnungen, Gedanken der Verzweiflung und die geschilderte Dankbarkeit für kleinste Dinge im Alltag – wie etwa einen Hut so aufgesetzt zu bekommen, wie Samuel sich es wünscht, es aber nicht selbst tun kann –, das sind die Perlen in „Zwei Leben“. Inzwischen setzt sich Samuels Weg fort – er nimmt sein Studium an der Schauspielschule Hannover wieder auf. Ihm ist nur das Beste zu wünschen.

Christoph Fasel: Samuel Koch – Zwei Leben

Adeo Verlag

Asslar 2012

208 Seiten – 17,99 Euro


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