| Drucken01.12.2004 

Buchempfehlung: Ein Roman von Laurent Gaudé, Träger des Prix Goncourt (Steffen Lehmann)

Laurent Gaudé: Der Tod des Königs Tsongor. Roman. Aus dem Französischen von Angela Wagner, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2004, 214 Seiten, 14 Euro.

In Schlichtheit schön

Mit Wolfgang Petersens Film "Troja" hat sich Hollywood in diesem Jahr wieder dem antiken Heldenepos zugewandt. Zuschauerfreundlich verkürzt, ward ein zweistündiger Geschichtsexkurs geboten. Eine weitere Saga wird gerade mit Oliver Stones Streifen "Alexander" mundgerecht serviert. Für Hollywoods Regisseure gibt es jetzt mit Laurent Gaudés preisgekröntem Roman "Der Tod des Königs Tsongor" neuen Stoff.

Zwei Männer kämpfen für ihr Recht, für ihre Ehre, um eine Frau - bis zum Tod, ohne Rücksicht auf Verluste. Jahrelang hat der greise Herrscher Tsongor mit Kriegszügen ein riesiges Reich geschaffen. Die Hochzeit seiner Tochter Samilia mit Kouame, dem König der Salzländer, soll die Krönung seines Lebenswerkes werden. Die Hauptstadt Massaba bereitet sich auf den großen Tag vor. Als alles zur Vermählung bereit ist, erscheint plötzlich der tot geglaubte Sango Kerim. Ihn hatte Tsongor aufgenommen und wie einen eigenen Sohn behandelt. Samilia und Sango Kerim schworen in Kindertagen einander ewige Treue. Nun, am Tag vor der Hochzeit, fordert Sango Kerim sein Recht und stellt Tsongor ein Ultimatum.

An der Seite Tsongors steht der Diener Katabolonga. Vor vielen Jahren in einer Schlacht gefangen genommen, schwor er Tsongor, ihn eines Tages zu töten. Über die Zeit geriet der Schwur zwischen beiden in Vergessenheit, und selbst Katabolonga glaubte nicht mehr daran, ihn noch zu erfüllen. Am Morgen der Vermählung aber weiß er schon, dass der Tag gekommen ist. Überlastet mit der zu treffenden Entscheidung, sieht Tsongor nur den eigenen Tod als Ausweg. Seine Tochter soll keinem der Anwärter gehören. Doch diese geben sich damit nicht zufrieden. Ein langer Krieg bricht aus, über dessen Dauer der eigentliche Grund in Vergessenheit gerät. Das einstige große Reich mit seiner prachtvollen Hauptstadt Massaba dämmert dem Untergang entgegen.

König Tsongor regiert zwar in einem imaginären afrikanischen Reich, aber die Geschichte lässt sich mühelos in unsere Zeit übertragen. Nicht nur auf den ruinösen Zustand vieler afrikanischer Staatswesen, die von Armut, Krieg und Korruption gezeichnet sind. Es geht um Liebe und Hass, Unterdrückung, weniger um Religion. Und dann stellt sich bei der Lektüre die Frage, wofür lohnt es sich, in den Krieg zu ziehen. Gaudé vermeidet es wohlweislich, mit seinem schönen Roman eine Antwort zu geben.

In Frankreich 2002 erschienen, erhielt der 1972 geborene Gaudé für "Der Tod des König Tsongors", seinen zweiten Roman, den Prix Goncourt des Lycéens. Vor wenigen Tagen gab es dann den endgültigen Ritterschlag. Für seinen dritten Roman "Die Sonne der Scorta" wurde Gaudé mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die Geschichte einer süditalienischen Familie soll 2006 auf deutsch erscheinen. Jetzt fehlt nur noch das Drehbuch für einen Film mit dem Titel "Der Tod des König Tsongors".

(Steffen Lehmann)

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