Roland Leithäuser | Drucken17.04.2002 

Auch Du, mein glückliches Österreich...

Eine Buchempfehlung

Am Anfang dieser Besprechung soll ein Gedicht stehen, entnommen der letzten Seite des zu besprechenden Bandes. Dort heißt es:

Ein Dunst in reger Lufft;
Ein geschwindes Wetterleuchten;
Güsse / so den Grund nicht feuchten;
Ein Geschoß / der bald verpufft;
Hall / der durch die Thäler rufft;
Stürme / so uns nichts seyn deuchten;
Pfeile / die den Zweck erreichen;
Eyß in einer warmen Grufft;
Alle diese sind zwar rüchtig /
Daß sie flüchtig seyn und nichtig;
Doch wie nichts Sie alle seyn /
So ist doch / O Mensch / dein Leben /
Mehr / als Sie / der Flucht ergeben.
Nichts ist alles. Du seyn Schein.

Dem barocken Versmaß und seiner Schreibweise entlehnt, faßt der österreichische Autor Franzobel in diesem Gedicht die Essenz seines neuen Werkes noch einmal verklausuliert zusammen. Ein verstörender und doch komischer Abschluß eines Buches, das sich nicht so recht einer bestimmten literarischen Gattung unterwerfen läßt. Ein Roman, schreibt die Pressestelle des Verlages, eine formidable Erzählung, die Kritik. Der Autor wird lachen ob solcher Versuche, dieses Werk in irgendeiner Form zu kontextualisieren, der begeisterte Leser wird ihm im Lachen folgen. Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit ist Prosa von einer Sprachvielfalt und Reife, daß es einem Angst und Bange werden kann. Im Rahmen der Buchmesse bereits gab Franzobel Auszüge aus seinem neuesten Werk zum Besten, was den Rezensenten schließlich veranlaßte, sich dem genauen Inhalt des Buches nun doch einmal anzunehmen. Lusthaus ist Schelmenroman ist lautpoetisches Welttheater ist Zustandsbericht der jungen Republik Austria beim Eintritt in das einundzwanzigste Jahrhundert. In Wien, der Stadt von Schönheit, Historie und Tod, laufen die Fäden von Franzobels Werk zusammen. Doch wer eine weitere literarische Auseinandersetzung, eine ungehobelte Kakophonie für oder gegen die nationalkonservative Bundesregierung, das Recht der Österreicher auf Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit erwartet, den wird Lusthaus nachhaltig zu verwirren wissen. Sicherlich schwingt er mit im Buch, der horror vacui einer aus den Fugen geratenen Wohlstandsgesellschaft, die aus lauter politischem Überdruß die Schatten der Vergangenheit beschwört. Eine Heldenplatzszene darf bei Franzobel nicht fehlen, doch schon die Überzeichnung der Szene und ihrer Protagonisten entlarvt die rezente Gesinnungsliteratur von Jelinek bis Menasse aufs Trefflichste. Hier fehlt das Bernhardsche Lamento, ?daß ich Österreicher bin / ist mein größtes Unglück?, Franzobel denkt es weiter und begegnet der allenthalben um sich greifenden Kleingeistigkeit mit viel Charme und einer grotesken Geschichte, in der eine Handvoll Tagediebe den Kern des Pudels findet, ohne je nach ihm gesucht zu haben.

Aufhänger für sein Prosawerk, das auch Lehrstück sein möchte, bildet eine moderne Replik auf die Geschichte der Geisterseher vergangener Jahrhunderte. Seelenwanderung heißt das Zauberwort, schaurig-schön liest es sich bei Franzobel, gleichsam märchenhaft. Die Seele des italienischen Mädchens Rosalie, vor achtzig Jahren in Palermo gestorben und, zumindest körperlich, einbalsamiert und in der Kapuzinergruft bestattet, begibt sich auf den Weg nach Wien, um in den Körper der dicken Frau Klappbauch zu fahren, und von dort aus ihre Himmelfahrt anzutreten. Bis es jedoch dazu kommt, vergnügt sich die naive Seele und Ich-Erzählerin in einer Gesellschaft skurriler Taugenichtse und Neurotiker, die erst mit zunehmender Handlung der Dauer ihre wahre, oftmals noch absurdere Identität preisgeben. Da sind zunächst die Frauengestalten Pasqualina und Gloria, getrieben von ihrer Vergangenheit und dem Wunsch nach Reichtum: Pasqualina, in Argentinien als Tochter eines alten österreichischen Nazis mit dem klingenden Namen Alfred Tonymontana geboren, trägt dessen letztem Willen Rechnung und öffnet das Einweckglas mit seinen sterblichen Überresten auf dem Heldenplatz just in dem Moment, als die Freiheitliche Partei dort eine Wahlveranstaltung abhält. Der Skandal ist nicht mehr aufzuhalten. Gloria hingegen ist von dem Gedanken besessen, Reichtum zu erlangen, und spart deshalb obsessiv und sogar am Toilettenpapier. Jeden Tag sucht sie die Filiale ihrer Bank auf und erkundigt sich nach dem aktuellen Kontostand. Die Männerfiguren sind nicht weniger schräg getroffen. Der Journalist Zsmirgel besitzt eine quasiprophetische Gabe und nutzt diese dahingehend, Nachrufe auf prominente Personen vorzufabrizieren, woraufhin innerhalb kürzester Zeit der Tod des mit einem solchen Nekrolog Bedachten eintritt: ?Kaum wurde einer aufgestellt, war er auch schon angetippt und flachgelegt und tot. Weggeschmirgelt. Eine Kapriole des Zufalls, könnte man denken, eine sonderbare Polonaise. Und tatsächlich war das Ableben Friedensreich Hundertwassers, Ernst Jandls, Udo Prokschs oder H.C. Artmanns irgendwie erwartbar. Doch dann warf Zsmirgel nur aus Jux dem Schicksal ein Stöckchen, stellte er einen Klotz in seine Dominosteinkette, verfertigte er einen Nekrolog über das Busenwunder Lolo Ferrari, doch siehe da, tatsächlich hatte das Schicksal schon eine Woche später apportiert, war sogar der Klotz gefallen, das Busenwunder tot. Auch das konnte Zufall sein, aber Gleiches war geschehen mit Günter Brödl, Falco, Clemens Eich und Robert Hochner. Alle tot. Tot, tot, tot.? In dem Hochstapler Manker wiederum findet Zsmirgel einen Gesinnungsgenossen, mit dem er die Schule der Gemeinheit gründet. Manker, der unlängst eine Affäre mit der Emigrantin Conchita bei deren Hochzeit mit dem Juden Seth auf einer Gasthaustoilette und unter Zeugen mit lautem Crescendo beendet hat, ermuntert Zsmirgel zu täglichen Lektionen, bei denen sie nichtsahnende Mitbürger mit Gemeinheiten bedenken, beispielsweise dadurch, in der Verkleidung von Bauarbeitern Teile der Wiener Innenstadt lahmzulegen.

Bevor es zur Himmelfahrt kommt, gesellen sich noch weitere abseitige Figuren zu diesem Ensemble, das der Autor feinsinnig, humorvoll und mit Hang zur großen Metapher durch den Roman (nun also doch, das unumstößliche Attribut!) begleitet. Verbunden sind sie alle durch ihre Emigrantenexistenz, ihre mühevollen Versuche, als Ausländer im ?anus Austriae?, wie es Franzobel nennt, einen Platz auf Zeit zu finden. Es gelingt ihnen nicht, und obwohl sie früher oder später konstatieren müssen, im vielgerühmten Österreich nur geduldete siti inversi voller Fernweh zu sein, finden sie sich doch mit diesem Schicksal ab, nennen es Vorsehung, ein Wort, das den Österreichern geläufiger zu sein scheint.

Zwischen Palermo und Wien wandert eine Seele, und Franzobel übereignet ihr hundertundsiebzig Seiten lang sein literarisches Können. Zwischen lautem Gelächter und dem Schluchzen der Verstoßenen lotet er alle Gemütszustände aus, ohne dabei dem Pathos anheimzufallen. Es ist noch zu früh, Franzobel seinen Platz im Kanon zuzuweisen. Mal liest er sich wie ein verkopfter Ringelnatz, ein all zu ernster Tucholsky; an anderer Stelle wie ein frühreifer Joyce. Er liebt das Zitat und auch das Selbstzitat. Ein eigener, unverkennbarer Stil kann ihm bereits jetzt nicht mehr abgesprochen werden. Tu, felix Austria, möchte man da rufen, die anderen schreiben mit stumpfer Feder, Franzobel aber dichtet die originellste Prosa, die man seit geraumer Zeit aus diesem kleinen Land zu vernehmen wußte.

Franzobel Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002
175 Seiten. 16,80 €

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