| Drucken19.08.2003 

Buchempfehlung: Holger Bernt Hansen, Michael Twaddle (eds.): Christian Missionaries and the State in the Third World (Steffen Lehmann)

Holger Bernt Hansen, Michael Twaddle (eds.): Christian Missionaries and the State in the Third World. James Currey, Oxford, 2002, Paperback, 307 Seiten, 19,95 Pfund.


Widersprüchliche Geschichte

Das Christentum ist auf dem afrikanischen Kontinent die am schnellsten wachsende Religion. Seit der Zeitenwende vom 11. September 2001 vergeht jedoch kein Tag, an dem nicht über den Islam geschrieben, gesprochen, gestritten und vor allem vor ihm gewarnt wird. Diese mediale einseitige Aufmerksamkeit hat den Blick ? wieder einmal ? von Afrika gelenkt, wo seit einigen Jahren Pfingstkirchen (Pentecoastal Churches) einen enormen Aufschwung nehmen. Soll die Rolle europäischer Missionare in Afrika beschrieben werden, dann ist der wahrscheinlich kleinste Nenner, dass die Missionare weit mehr waren als die Erfüllungsgehilfen des europäischen Kolonialismus. Trotzdem ist ihre Rolle in den verschiedenen Teilen Afrikas so widersprüchlich, dass nur Fallstudien den Blick schärfen können. Um so willkommener ist der vorliegende Band ?Christian Missionaries and the State in the Third World?.

Nach der Lektüre der vielversprechenden Überschrift stellt der Leser fest, dass der Titel des Sammelbandes etwas irreführend ist. Der überwiegende Teil, 16 Beiträge, beschäftigen sich mit Afrika und vier mit Lateinamerika und der Karibik. Da war das Label ?Dritte Welt? offenbar ein Marketing-Instrument. Auch der Begriff des Staates bleibt etwas nebulös. Behandeln die Beiträge doch unterschiedliche Ausprägungen des Staates in Afrika: den vorkolonialen, den kolonialen Staat (mit einer weißen Minderheit an der Macht) und die afrikanischen Staaten nach Erlangung der Unabhängigkeit. John Rowe (Buganda) und Torstein Jorgensen (Zulu) zeigen in ihren Artikeln, daß Missionare von lokalen Herrschern nur geduldet wurden, so lange sie für ihre eigene Machtpolitik nützlich waren. Die Missionare wurden nicht selten als Prestigeobjekte angesehen, über deren Anwesenheit auch die Stellung des Herrschers entschied. Das Wissen um Lesen und Schreiben wurde zu einem eminent wichtigen Gut, um das heftige Auseinandersetzungen ausgetragen wurden.

John MacCracken beschreibt, wie aktiv die Missionare der Church of Scotland Mission an der Schaffung und der Erhaltung des kolonialen Staates Malawi beteiligt waren. Sie begrüßten die Ankunft der ersten europäischen Siedler und unterstützten die Einführung der englischen Sprache (?language of the empire?) als Stützpfeiler des Kolonialstaates. Ihr Verhältnis zum Staat war rational und davon geprägt, wie es zum eigenen Vorteil genutzt werden konnte. Das schloss zu bestimmten Zeiten auch eine Opposition nicht aus. John Lonsdale zeigt für Kenia, wie Missionare, Kolonialverwaltung und Siedler eine Allianz bildeten. Diese Dreieinigkeit bekam vor 1914 einige deutliche Risse, als den Missionaren offenbar wurde, dass der Landbesitz der weißen Siedler die Situation für die Afrikaner dramatisch verschärfte. Auch die Bildungspolitik mit ihrem Fokus auf eine afrikanische Elite stieß bei den Afrikanern auf Ablehnung. So kam es nicht überraschend, daß in den 1920er Jahren die ersten unabhängigen afrikanischen Kirchen gegründet wurden.

Interessante Aspekte halten auch die Beiträge bereit, die sich mit Westafrika befassen. Hier rückt auch die Gegenwart wieder etwas stärker in den Blickpunkt. Niels Kastfeld erläutert, wie in Nordnigeria die Missionare als Bedrohung für die Stabilität der Kolonialverwaltung angesehen wurden. Äußere Einflüsse auf Tradition und Gebräuche (customs) wurden äußerst misstrauisch betrachtet. Den Schritt in die Gegenwart vollzieht dann am Schluss Andrew Wheeler mit einem Aufsatz über den Sudan und das Verhältnis der christlichen Bevölkerung zur muslimischen Obrigkeit. Trotz ihrer teilweise kaum sichtbaren Erfolge, schreibt Wheeler, hätten die Missionare einen maßgeblichen Anteil daran, dem afrikanischen Moment in einer von jahrelangem Bürgerkrieg zerrissenen Gesellschaft und auf der Suche nach einer Identität eine neue Basis zu verschaffen. Für vom Bürgerkrieg malträtierte Staaten wie Liberia oder die Demokratische Republik Kongo könnte diese integrative Kraft ein kleiner Lichtblick sein.

(Steffen Lehmann)

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