Madeleine Rau | Drucken06.08.2005 

Verwirrspiel zwischen zwei Welten

Buchempfehlung: Jan Costin Wagners "Schattentag"

Ein idyllisches Leben in einem roten Holzhaus auf einer Insel mit Mara. Blauer Himmel, ein rosaroter Rucksack und das gelbe Fahrrad. Ihre Hand, die sich unter seine Kleidung gräbt und ihn in den Schlaf streichelt. Schnitt. Ein anderes, scheinbar früheres Leben mit Ehefrau Vera, die als Lehrerin arbeitet. Tochter Sandra bekommt zum achten Geburtstag ein Pferd geschenkt. Die eigene Computerfirma hält sich noch über Wasser, die Ablenkung vom Alltag trägt falsche Namen und wartet im Bordell. Zwischen beiden Welten liegt die plötzliche Erblindung des namenlosen Protagonisten, die ihn ins Krankenhaus führt und dort zu seiner Jugendliebe Mara. Unbeschwert vergehen für beide die Tage auf der Insel. Statt Farben und Gesichtern sieht er nur Schattenumrisse, doch der Liebestaumel lässt ihn die Blindheit vergessen. Eine Berührung ihrer Hand, der Klang ihrer Stimme spült alles davon.
Der beschwingte Tanz im Traum gerät jedoch ins Stolpern, als bei einem Feuerwerk ein Mann von den Klippen in den Tod stürzt. Ausgerechnet der erblindete Protagonist steht jetzt im Zentrum der Ermittlungen. Ein Foto aus seiner Kindheit wird in der Brieftasche des Toten gefunden. Wie kleine Widerhaken krallen sich Bilder aus der Vergangenheit in die Inselruhe, und beide Welten vermischen sich. Immer wieder tauchen gleiche Szenen und Dialoge auf, spulen sich Vorgänge erneut ab und geben jedes Mal ein weiteres Teil des Puzzles preis. Das Fundament des Romans beginnt zu wackeln, Wirklichkeit scheint nun Fiktion zu sein. Unheimlich. Das Ende fügt alles zusammen so ohne Zauber und nüchtern, wie man es nicht erwartet hat.

Jan Costin Wagner ist ein Meister der Verwirrung. Mit simpler und glasklarer Sprache führt er den Leser in einen Strudel von Geschichten und Figuren, der sich immer schneller dreht, so dass die Letter auf den Seiten zerspringen wollen. Eine Herausforderung für das Nervenkostüm des Lesers. Der Roman zeichnet das Bild eines Mannes, der im Arbeitsstress den Boden unter den Füßen verliert und auch verlieren muss, um wieder auf ihm stehen zu können.

Jan Costin Wagner: Schattentag

Eichborn, 2005, 17,90 €

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