Steffen Lehmann | Drucken08.10.2002 

Psychogramm des Verbergens

Jeroen Brouwers zeigt auf, dass die Masse der kleinen Begebenheiten von Bedeutung ist

Jelmer van Hoff, der Ich-Erzähler, steht vor den Trümmern seines Lebens. Er liebt Daphne, die Frau seines ehemaligen Kommilitonen Nico Sibelijn. Sie, eine berühmte Sängerin, liebt aber ihren alten, gebrechlichen Gesangslehrer. Paula, Jelmers Ehefrau, lebt zwar noch auf dem gemeinsamen Hausboot, hat sich aber schon längst in die Affäre mit einem Arztkollegen geflüchtet. Sie gibt ihrem Mann die Schuld an der behinderten Tochter ("Es war dein Samen"). Diesem Mann, so scheint es, klebt das Pech förmlich an den Füßen. Am Ende des Buches wird die Rolle der Niederschrift klar. Van Hoff, Geschichtslehrer, musste sich vor einem Schulausschuss verantworten, nachdem Details seiner Affäre mit Daphne Sibelijn in einschlägigen Klatschblättern zu lesen waren.

Die Abgründe der menschlichen Psyche sind tief. Ja, so tief und verwinkelt, dass davon ein ganzer Berufsstand ein annehmbares Auskommen findet. Auch in Jeroen Brouwers Buch Geheime Zimmer spielt ein Vertreter der Psychologenzunft eine Rolle, wenn auch nur eine Nebenrolle. Sofern das Verhältnis mit der Ehefrau des Ich-Erzählers als Nebenrolle bezeichnet werden darf. Aber Geheime Zimmer ist randvoll mit solchen "Nebenkriegsschauplätzen". Doch der Reihe nach. Nach Jahren der Funkstille erhält Jelmer von Nico Sibelijn eine Einladung anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an ihn. Dort trifft er auf Daphne und die Leidenschaft beginnt zu zündeln, gleichwohl der glücklose Amor beobachtet, wie seine Angebetete in einer dunklen Ecke mit ihrem Gesangslehrer mehr als nur Konversation betreibt. Jeder der Protagonisten hat sein eigenes Haus mit geheimen Zimmern, die er vor dem anderen verborgen hält.

Geheime Zimmer ist ein Buch randvoll mit Geschichten, voller Intrigen, Spannung und Geheimnissen. Alle Ingredienzen für eine richtige Kriminalgeschichte. Am Ende fallen sogar noch Schüsse. Immer, wenn die Spannung abzuflauen droht, zaubert Brouwers eine neue Wendung hervor, die den Leser zum Weiterlesen verführt. Das ist zugleich der einzige kleine Makel des Buches: Brouwers schlägt ein paar Haken zu viel und überdehnt die Geschichte an manchen Stellen. Hier erhalten die einfachen Gefühle, die alltäglichen Verletzungen in der Ehe, die zwischenmenschliche Gleichgültigkeit zwischen den Eheleuten van Hoff eine beängstigend normale Stimme. Mit Geheime Zimmer hat Jeroen Brouwers ein Buch der kleinen Begebenheiten geschrieben, die als Ganzes eine große Schatzkiste füllen.

Jeroen Brouwers: Geheime Zimmer.
Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby
Deutsche Verlags-Anstalt: München, Stuttgart
429 Seiten, 24,90 Euro

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