Fabian Stiepert | Drucken13.03.2015 

Von Nibelungen und Nilpferden

Die Leipziger Buchmesse läutet traditionell die Frühjahrssaison auf dem deutschen Buchmarkt ein. Hier fünf Frühjahrs-Neuerscheinungen, die sich zu lesen lohnen


Heinrich Steinfest und Robert de Rijn: Der Nibelungen Untergang

Die Nibelungensage ist Pflichtlektüre für jeden Germanisten. Aber wie bringt man denjenigen die Sage näher, denen Zeit und Muße für diesen Text fehlt? Heinrich Steinfest, der sonst fabelhafte Krimis mit einarmigen Kommissaren oder zum Thema Stuttgart 21 schreibt, hat sich dafür mit dem Zeichner Robert de Rijn zusammen getan. Wie auch in seinen Krimis bringt Steinfest in seiner Nacherzählung der bekanntesten deutschen Sage kleine Mini-Essays unter, ohne dass die Handlung an Drive verliert. Robert de Rijns Storyboard-Illustrationen lassen Siegfried und Co. modern-martialisch, aber niemals wie plumpe Actionhelden erscheinen. Schön, wenn Bild und Schrift so genial symbiotisch daherkommen in diesem zudem äußerst schön gestalteten Buch. Der geniale Typograph Friedrich Forssmann aus Kassel hat für den Reclam-Verlag auch hier mal wieder ganze Arbeit geleistet. Chapeau!

Erschienen bei Reclam

120 S., 19,95 €



Terézia Mora: Nicht sterben

Terézia Mora hat 2013 für ihren Roman Das Ungeheuer den deutschen Buchpreis gewonnen. Zu schade, dass dieser komplexe Roman trotz Preisdekoration nicht so viele Leser wie die anderen Buchpreisgewinner erreichen konnte. Denn des Preises würdiger war bisher kaum einer der Gewinnerromane. Wer dem Sog von Moras Texten bislang auch nie widerstehen konnte, der kann sich nun eine Ahnung davon erlesen, wie die Magie ihrer überbordenden, aber nie überladenden Texte entsteht. Nicht sterben versammelt die fünf Frankfurter Poetikvorlesungen, die Mora 2013 gehalten hat. Wer aber denkt, dass es dabei nur ganz spröde um das Am-Schreibtisch-Sitzen geht, der irrt. Mora schreibt wie immer über das ganze Leben, denn ihre schriftstellerische Devise lautet: „Wenn das Leben mir zu nahe tritt, dann trete ich dem Leben auch zu nahe.“ Selten hat ein Sachbuch so sehr zum Schreiben motiviert. Wer es liest, wird darin neben frischer Energie fürs eigene Schreiben noch weitere Bonmots fürs Notizbuch vorfinden.

Erschienen bei Luchterhand

160 S., 18,99 €


Ian McEwan: Kindeswohl

Kaum ein zeitgenössischer Autor hat Leser wie Kritiker auf seiner Seite wie der Brite Ian McEwan. Doch was ist da nur bei seinem aktuellsten Roman Kindeswohl passiert? Die Kritiker mosern, dass die Hauptfigur Fiona Maye viel zu passiv geraten ist und nur als Vehikel für das dargestellte moralische Dilemma herhalten darf. Die Leser hängen sich daran auf, dass McEwan zu viele moralisch schwer zu beurteilende Fallbeispiele in den Roman geschmuggelt hat. Sicherlich ist Kindeswohl hinsichtlich seiner formalen wie ästhetischen Kriterien kein unstreitbares Buch. Ein langweiliges ist es aber keinesfalls. Dafür ist die Geschichte rund um die Jugendrichterin Fiona Maye, die nicht weiß, ob sie es gestatten kann, dass dem fast erwachsenen Sohn zweier streng gläubiger Zeugen Jehovas eine lebensrettende Bluttransfusion verweigert werden darf, schlichtweg zu raffiniert konstruiert. Ob man all den anderen Ballast wie Eheprobleme und juristische Querelen als Leser so unbedarft hinnimmt, sei jedem selbst überlassen.

Erschienen bei Diogenes

224 S., 21,90€


Teju Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb

Wir sind so mobil wie noch nie. Trotzdem hat Teju Cole den Flaneur, den ganz gewöhnlichen Fußgänger, wieder auf die Bühne der Weltliteratur zurück gebracht. Der Erfolg seines letzten Romans Open City gab ihm recht. Intensiver als im Unterwegs-Sein zu Fuß lässt sich die Welt nicht wahrnehmen. Nun ist auch Teju Coles erstes Buch auf Deutsch erschienen. Jeder Tag gehört dem Dieb ist ein (augenscheinlich) minimal fiktionalisierter Reisebericht über einen Besuch in Coles Heimatland Nigeria. Die Lebensbedingungen dort sind immer noch miserabel. Selbst Polizeibeamte und Ärzte verdienen Hungerlöhne, weshalb die Nigerianer nichts unversucht lassen, um irgendwie an Geld zu kommen. Kein Wunder also, dass die meisten der Betrüger-Mails in unserem Spamfilter von dort kommen. Auf nicht einmal 200 Seiten fängt Cole die Stimmung und Atmosphäre eines uns nur allzu unbekannten Landes ein. Dem Auftrag der Literatur, uns etwas über unsere Welt beizubringen, wird dieser Weltklasse-Autor damit mehr als gerecht.

Erschienen bei Hanser Berlin

180 S., 18,90 €



Arno Geiger Selbstporträt mit Flusspferd

In gewissen Fällen kommt man mit Begriffen wie Kind oder Erwachsener nicht weit. Wo sich Ian McEwan an diesen Grenzfällen juristisch-philosophisch abarbeitet, geht Arno Geiger an die Sache ganz anders heran. Der Held seines neuesten Romans heißt Julian, ist 22 Jahre alt und wurde von seiner ersten großen Liebe Judith sitzen gelassen. Als Ferienjob und aus unerwarteter Geldnot heraus pflegt er das Zwergflusspferd eines schwerkranken, eremitierten Tiermedizinprofessors in den Semesterferien. Als dann noch Aiko, die schöne Tochter des Professors, auf der Bildfläche erscheint, ist Julians Leben noch mehr auf den Kopf gestellt. Was dieser Sommer wohl bringen wird?

So weit, so gut und eigentlich schon so oft gelesen. Was macht diesen Roman nun so besonders und herausragend? Es muss wohl daran liegen, dass sich Geiger ungehemmt dem Pathos und der zeitweise auftretenden Weinerlichkeit der Zwanziger, die jeder durchlaufen muss, hingibt. Aber keine Angst, Geiger tritt stets auf die Bremse, wenn es zu viel wird, oder bringt die Leiden des jungen Julian in einem Satz unter: „Ein junger Mann mit Schmerzen sein, ist eine Ganztagesbeschäftigung.“

Weil Arno Geiger neben seinem Mut zu mehr oder weniger gezügeltem Pathos und Gefühligkeit eine Sprache gefunden hat, die authentisch unverkrampft daherkommt, ist Selbstporträt mit Flusspferd der bislang beste Roman dieser Saison und kann getrost mit Büchern wie Tschick, Der Fänger im Roggen oder Der kurze Brief zum langen Abschied in eine Reihe gestellt werden. Da ist es schon ein kleiner Skandal, dass der Autor nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Erschienen bei Hanser

288 S., 19,90 €


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