Tobias Prüwer | Drucken20.02.2012 

Die Nachtseite der Vernunft

Mit „Die Geisterseher“ stochert Matthias Donath im Trüben

Aber derjenige, der einmal wie alle anderen sah und der dann blind wurde, der wird etwas über die Bedeutung des Sehens wissen, was demjenigen schwerfallen wird zu verstehen, für den das Sehen eine Selbstverständlichkeit unter vielen ist. Und wenn ein solcher Mensch sein Augenlicht wiedergewinnen sollte, dann wird er wohl die Dinge der Welt auf eine Weise sehen, wie er es vor seiner Blindheit nie getan hat.
Hans Peter Duerr: Traumzeit


„Ein Philosophisches Problem hat die Form: Ich kenne mich nicht aus.“ – Ludwig Wittgensteins Diktum gegen die Einfältigkeit mancher Wissenschaftler lässt sich umstandslos auf Die Geisterseher übertragen. Denn das Buch gibt ein beredtes Zeugnis für des Autors Unkenntnis auf diesem Gebiet.

Was haben Freimaurer und Kobolde, Hexen und Alchemisten gemeinsam? Wenig, aber in der wunderbaren Welt des Dr. Donath wird das Geistersehen zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Und weil es darunter nicht geht, erklärt er Sachsen zum okkulten Zentrum. Wie sonst ließe sich dieses Buch legitimieren? Eigentlich gar nicht. Denn der Autor bringt vieles durcheinander und macht sich über Menschen der Vergangenheit bloß lustig, indem er unentwegt mit unserer ach so aufgeklärten Ära winkt. Es sind Nebelkerzen und Blendwerk, was sich hier als Aufklärung tarnt, die nicht einmal das postulierte heutige Vernunftwalten als Irrtum erkennt.

Es ist ein seltsames Panoptikum, das Donath hier ausstellt. Man erfährt wenig aus der bloßen Aneinanderreihung, die methodisch mangelhaft ist und auf zumeist älterer Literatur fußt. Gern hätte man erfahren, warum der Hexenglaube trotz Inquisition etwas Nichtchristliches sei oder was „irrationalen Wunderglauben“ von rationalem unterscheidet. Warum ist das Schlusskapitel Aufklärern und Literaten – Goethe, Schiller, Karl May – gewidmet? Und wenn der Autor bilanziert: „In der Literatur tauchen die Alchimisten und Zauberer nicht mehr auf. Nur noch ab und zu ließen Dichter seltsame Magier erscheinen – etwa Thomas Mann ... in seiner Novelle ‚Mario und der Zauberer’“, muss man fragen, ob der Autor nicht von allen guten Geistern verlassen ist. Ihm seien der Gang in die Bibliothek ans Herz gelegt und seine eigenen Worte angeraten: „Licht an: Möge das Buch die Nachtseiten der Vernunft erhellen!“

Matthias Donath: Die Geisterseher. Magier, Goldmacher und Scharlatane in Sachsen

Edition Leipzig

Leipzig 2011

160 S., – 16,90 Euro


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