Leonie Franziska Geisinger | Drucken24.10.2011 

Zwischen Wut und Kunst

Ein Blog in Buchform ist irritierend – aber in diesem Fall ein wichtiges Zeitdokument

Der verbotene Blog ist der Titel dieses erst kürzlich erschienen Buchs, und ein wenig klingt er nach Skandal und aufgeblasener Werbestrategie. Es geht um den Blog des Chinesen Ai Wei Wei, der vom Magazin ArtReview erst im Oktober 2011 zum einflussreichsten Künstler der Gegenwart gewählt wurde. Darin verbreitete Ai Wei Wei von 2006 bis zur Zwangschließung 2009 seine Gedanken, oft mit mehreren Einträgen pro Monat, und diese wurden nun in einem Buch zusammengefasst.

Was Ai Wei Wei zu sagen hat, ist durchweg sehr interessant. Er springt, durch die Blogform begünstigt, völlig frei zwischen den Themenfeldern. Mal geht es um Kunsttheorie, seine Definition von Architektur oder Photographie, mal um seine alltäglichen Erlebnisse, Begegnungen mit Menschen und seine künstlerische Arbeitsweise. Am häufigsten berichtet er jedoch von seinem Hadern mit der chinesischen Regierung, von seiner Unzufriedenheit, ja seiner Wut über die Herrschenden. Im Verlauf der Jahre wird die Anklage Ai Wei Weis immer eindringlicher und heftiger. Dabei begründet er seine Kritik immer mit aktuellen Ereignissen, von denen man in der „westlichen Welt“ oft überhaupt nichts mitbekommt. Er spricht über Korruption – etwa von tausenden von Kindern, die sterben mussten, weil Geld nicht in den sicheren Bau von Schulen, sondern in die Taschen von Funktionären fließt –, über schlägernde Polizisten und die Beschneidung der Meinungsfreiheit. Nie nimmt er ein Blatt vor den Mund, sondern er lässt sich auch zu Beschimpfungen hinreißen, was zur Folge hat, dass seine Einträge oft sofort nach Erscheinen wieder gelöscht werden und sein Blog dann schließlich ganz geschlossen wird. Dieser Quelle der Meinungsäußerung beraubt, bedient sich Ai Wei Wei Twitter. Er twittert nun seine Wut über die bestehenden Zustände bis zu seiner Verhaftung durch die chinesische Polizei im April 2011. Auch diese kurzen Twitter-Beiträge sind im Buch versammelt. Inzwischen befindet sich Ai Wei Wei in Hausarrest, jede Möglichkeit sich zu äußern ist ihm verwehrt und ihn erwartet ein Prozess wegen angeblicher Steuervergehen.

Als Leser der deutschen Ausgabe ist der Schreibstil Ai Wei Weis schlecht zu beurteilen. Es ist schwer zu entscheiden, ob dieser bekannte bildende Künstler auch ein Schriftsteller ist. Dies liegt zum einen daran, dass die deutsche Ausgabe hauptsächlich direkt aus der englischen Fassung übersetzt wurde, zum anderen an der chinesischen Sprache, die von unserer eigenen so verschieden ist, dass wir viele Bilder, Metaphern und Wortspiele nur schwer nachvollziehen können. Allerdings wird das Verständnis der Einträge durch die vielen hilfreichen Anmerkungen erleichtert, die oft aktuelle Ereignisse oder sprachliche Anspielungen ausführlicher erklären.

Viele Meinungen Ai Wei Weis sind streitbar, er berichtet von seiner subjektiven Warte aus und ist weder vorsichtig noch wohlüberlegt, was seine Urteile betrifft. Er schleudert seine Gedanken ungefiltert ins Internet, was dann in der dafür eigentlich gar nicht vorgesehenen Buchform etwas befremdlich wirkt. Deshalb sollte man den Verbotenen Blog nicht als literarisches Werk, sondern als das lesen, was er ist, ein Zeitzeugnis. Das Buch bringt uns ein der europäischen Kultur völlig fremdes, ja unverständliches Land näher. Gleichzeitig, und da verspricht der Titel dann doch nicht zuviel, bildet Der verbotene Blog aber vor allem den Kampf eines Einzelnen gegen ein unterdrückendes Regime ab.

Ai Wei Wei: Macht euch keine Illusionen über mich – Der verbotene Blog

Herausgegeben von Lee Ambrozy, ins Deutsche übertragen von Wolfram Ströle, Norbert Juraschitz, Stephan Gebauer, Oliver Grasmück und Hans Freundl

Galiani

Berlin 2011

478 S. – 19,99 €


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