Fabian Stiepert | Drucken11.12.2011 

Die Baum, der Bernhard und die Bachmann

Antonia Baums Debüt „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ erzählt vom Scheitern einer jungen Frau

Wer den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis mitverfolgt hat, dem werden wohl vorrangig zwei Autorinnen in Erinnerung geblieben sein: die verdiente Gewinnerin Maja Haderlap und Antonia Baum. Letztere hingegen hinterließ keinen so positiven Eindruck, als dass sie zur Liste der möglichen Gewinner hätte gehören können. Baum, gerade mal 27 und von irritierender Attraktivität, las sichtlich nervös einen Ausschnitt aus den ersten beiden Kapiteln ihres ersten Romans und erntete nahezu durchgängig negative Kritiken von der Jury. Einzig der Literaturkritiker Hubert Winkels, der Antonia Baum für den Preis vorgeschlagen hatte und dessen Lobhudelei auch im Klappentext zu lesen ist, fand natürlich anerkennende Worte. Daraufhin warf der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen Winkels vor, dass er sich scheinbar, aus nicht näher bestimmbaren Gründen, in den Text verliebt habe. Winkels wehrte diesen Vorwurf gelassen ab. Die Diskussion ging unerwartet friedlich zu Ende. Antonia Baums Sicht auf die Klagenfurter Geschehnisse konnte man wenig später in der FAZ nachlesen.

Aber kommen wir von dieser etwas bourlevadesk anmutenden Begebenheit zum Roman an sich, der dieses ganze Bohei im Vorfeld eigentlich gar nicht verdient hat. Die Handlung dieser mit 240 Seiten mindestens 100 Seiten zu lang geratenen Suada stellt fast schon das Musterbeispiel der häufig kritisierten „Befindlichkeitsprosa“ junger deutscher Gegenwartsautoren dar. Die Erzählerin, gutem Hause entstammend, ist am Ende der Pubertät und in der großen Stadt (endlich außerhalb der Provinz!) angekommen. Aber natürlich kann man auch in der Stadt nicht ohne weiteres glücklich werden, wie sich innerhalb kürzester Zeit herausstellt. Das Praktikum bei einer Zeitschrift ist öde und die Kollegen oberflächlich. Die Beziehung mit einem älteren Mann beruht auf Bedingungen, die kaum tragbar sind. Zwischendurch gibt es die obligatorischen Kontrollbesuche der getrennt lebenden Eltern und eine ungewollte Schwangerschaft. Das alles ist derartig voraussehbar, dass schon im ersten Drittel der Selbstmord als einzige Lösung erscheint.

Antonia Baum erzählt dies in einer ungehemmten Sprache, die mit ihren langen Sätzen, den vielen Beschimpfungen, Übertreibungen und Wiederholungen unmittelbar an Thomas Bernhard erinnert. Ob Antonia Baum diesen schon beim Bachmannpreis in der Jurydiskussion ständig gezogenen Vergleich bewusst evoziert hat, darf ruhig ihr Geheimnis bleiben – mit einer wirklich gelungenen Imitation haben wir es hier sowieso nicht zu tun. Denn Thomas Bernhard hatte Humor, der in diesem Roman völlig fehlt. Auf jeder Metapher, jeder Situation, jeder Beschreibung wird so lange herumgekaut, bis es zäh und ungenießbar wird. Dieses literarische Verfahren transportiert nicht den Welthass der Erzählerin, sondern einfach nur die nach und nach einsetzende Einfallslosigkeit der Autorin. Die ständige Pseudoprovokation durch Nazivergleiche sorgt für weitere Ödnis in diesem Text, der die Stilblüte nicht scheut. Es wird ungehemmt „platt planiert“ und wenn die Erzählerin den Wünschen ihres Lebensabschnittspartners nicht nachkommt, dann „misshandelt sie ihm sein Herz“.

Doch so ganz ohne lobende Worte kann man dieses Buch nicht besprechen. Antonia Baum kann durchaus gekonnt die Ängste ihrer Generation wiedergeben, ohne dabei in Selbstmitleid zu verfallen. Wer den Umzug in eine neue Stadt, das Fußfassen in der Uni und das Aufbauen eines neuen sozialen Netzwerks erst vor kurzem mitgemacht hat, der wird sich in diesem Roman häufiger wiederfinden. Das Problem ist nur, dass die Sprache, die sie dafür wählt und die auch abseits der erwähnten Stilblüten durchaus ihren Reiz besitzt, etwas gebremst werden müsste. Wer allerdings mit einer solchen sprachlichen Zerstörungswut als Autorin die Bühne betritt, der muss sich am Ende nicht wundern, wenn nur wenig übrig bleibt. Hätte das Lektorat den Mut besessen, den Text auf seine wirkliche Essenz zusammenzukürzen und an den richtigen Stellen sprachlich aufzubessern, dann wäre Vollkommen leblos, bestenfalls tot ein durchaus akzeptables, gelungenes Debüt geworden. So ist es nur ein erster literarischer Gehversuch von einer Autorin, bei der man sich ernsthaft fragen muss, ob da noch etwas bemerkenswertes folgen wird.

Antonia Baum: Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Hoffmann und Campe Hamburg

September 2011

240 S. – 19,99€


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