Tobias Prüwer | Drucken | Kommentar (1)08.02.2012 

Proseminar-Prosa

„Internetethik“: Bernard Irrgang hat „Versuche zur Kommunikationskultur im Informationszeitalter“ vorgelegt – bei solchen ist es geblieben

Wir erfinden nichts, es ist da, ja, ja, ja, ja.
Jean-François Lyotard: Libidinöse Ökonomie


Ach, hätte der Autor das Buch doch nur als Blog angelegt. Dann hätte Bernhard Irrgang die unzähligen Orthografie- und Satzfehler hernach noch korrigieren können. Und durch eventuelle Nachfragen in den Kommentaren hätte er sich vielleicht gezwungen gesehen, den schwammigen Inhalt seiner Versuchsanordnung auf den Punkt zu bringen. Denn – man muss es so deutlich sagen – dieses Buch ist eine Katastrophe hinsichtlich der Rechtschreibung und des Satzes; inhaltlich kommt es über einen Skizzenstatus nicht hinaus.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass Irrgang gerade keinen philosophischen Versuch, also keine Begriffsarbeit anstellt, denn er macht oft den Eindruck: Hier kennt sich jemand nicht aus. Das ist bedauerlich, hat sich doch Irrgang in anderen Schriften als kundiger Technikphilosoph zu erkennen gegeben. So wirft er mal eben Internet und WWW durcheinander, hinterfragt nicht den allseits beschworenen Beschleunigungs- und Aktivitätsmythos und hantiert als Philosoph doch zu arg- und damit kritiklos mit dem schillernden Buzz-Wort „Informationsgesellschaft“. Später ist zu lesen, dass auf die „Wissensgesellschaft“ die „Mediengesellschaft“ folge. Kleine Kostprobe: „Mit Blog-Software ein Journal im Web zu führen, ist in etwa so einfach wie eine E-Mail zu verschicken. Blogs sind Gespräche, die im Internet angeboten werden. Auch Netzpartys können so veranstaltet werden. Auf diese Art und weise [sic!] entstehen soziale Netzwerke und eine neue Offenheit.“ (S. 80) Es zeigt sich zudem, dass Irrgang über keinen Medienbegriff verfügt, was einer stringenten Argumentation entgegenläuft. Medien sind hier alles und nichts, mal das Web selbst, mal das Internet, mal Twitter & Co.

Viele Themen werden irgendwie angerissen, aber nicht zu Ende gedacht. So ergibt sich eine Stichwortsammlung, die in lose aneinandergereihten Sätzen bei den LeserInnen den Eindruck erweckt, er oder sie habe es mit einer Skizze zu tun. Das Buch liest sich wie Proseminar-Prosa, aber nicht wie ein mehrfach durchgewalktes akademisches Werk. Zudem zieht er unter anderem Studien heran, die mit Fug und Recht als veraltet gelten können. Was eine Untersuchung zur Persönlichkeitsstruktur von PC-Nutzern aus dem Jahr 1992 über jene von heutigen Internet-Usern aussagen soll, ist fraglich. Und oft irrt Irrgang auch oder ist nicht auf dem Stand der Technikkentnis. Indymedia etwa erscheint in der Vergangenheitsform, als ob es das alternative Nachrichtenportal nicht mehr gebe. Und was haben Sätze wie dieser in einer „Internet-Ethik“ zu suchen: „Allerdings ist das nervöse Zucken der Internetfans kaum mit dem Surfen in der Natur zu vergleichen“ (S. 71)? Immerhin spricht Irrgang die soziale Komponente an und ignoriert auch Machtaspekte nicht, allerdings verschwimmen solche notwendigen Töne der Kritik im Brei des elipsenhaften Textes.

Bernhard Irrgang:
Internetethik. Philosophische Versuche zur Kommunikationskultur im Informationszeitalter

Königshausen & Neumann

Würzburg 2011

264 S. – 36 Euro


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Hartmut M. Bromkamp schrieb am 02.08.2016 um 15:35 Uhr:

Die obenstehende Kritik ist noch schmeichelhaft! Das Buch ist eine einzige Katastrophe, sprachlich und inhaltlich. Wenn man ihm wenigstens Anregungen entnehmen könnte, aber dieses Buch macht einen einfach nur sauer, vor allem auch wegen des irrwitzigen Preises von 36,- EUR für ein Sammelsurium unausgegorenen, inhaltsleeren Geschwafels.

 
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