Steffen Kühn | Drucken16.01.2011 

Der Preis des Realismus

Journalisten-Veteran Bob Woodward seziert „Obamas Kriege“

Barack Obama hat mit seinem „Yes we can“ im Wahlkampf und zu Beginn seiner Präsidentschaft die Massen begeistert. Die ganze Welt sah in ihm den Superstar, der Amerika vom Mief der Bush Administration befreien würde. Über Amerika lag nach den vielen Jahren Georg Bush ein lähmender Mehltau, vielleicht erst die Voraussetzung für den phönixhaften Aufstieg des ersten schwarzen Präsidenten der Supermacht Amerika.

Was ist aus den Zukunftsprojekten Obamas geworden? Bob Woodward, einer der bekanntesten investigativen Journalisten weltweit, beleuchtet Obamas Außenpolitik und hier speziell Amerikas Kriege in Afghanistan und im Irak. Woodward montiert offizielle Meldungen mit informellen Informationen aus eigenen Gesprächen und mit Informationen aus zum Teil geheimen Dokumenten. Im ersten Drittel des Buches führt er den Leser in den Kreis der beteiligten Personen ein. Ein Dschungel aus Stabschefs, Beratern und Chefberatern, Koordinatoren und Sonderbeauftragten, Staatssekretären, Sprechern und Pressesprechern umgeben die eigentlichen Entscheider Barack Obama, Hillary Clinton, Robert Gates und die Chefs der Geheimdienste. Woodward schaut durch die Schlüssellöcher der Ministerien, berichtet von Missgunst und Intrigen. Erschreckend ist zu erfahren, wie die zwischenmenschlichen Beziehungen die eigentliche Sacharbeit überdecken. Koalitionen bilden sich und werden gegeneinander ausgespielt – Personalpolitik gleich Sachpolitik?

Wie agiert Obama in diesem Dschungel? In den Schilderungen Woodwards begegnet uns ein geschickter Machtpolitiker Obama, der es sehr gut versteht in seiner Regierungsmannschaft neue personelle Schwerpunkte mit Personen des alten Establishments – Hillary Clinton, Robert Gates und James Jones – zu kombinieren. Er verschafft sich dadurch eine Vielzahl von Meinungen und Sichtweisen für die eigene Entscheidungsfindung. Und eigene Entscheidungen muss Obama laufend und überall treffen. Das ist das Bestürzende aus den Schilderungen Woodwards: Die us-amerikanische Administration ist derartig auf den Präsidenten zugeschnitten, wie das für europäische Verhältnisse kaum vorstellbar ist. Außenministerin und Verteidigungsminister tragen in Meetings Standpunkte vor, lassen zum Teil durch die vielen Berater und Stabschefs vortragen – entscheiden muss Obama. Da wird über weltpolitisch bedeutsame Fragen wie Truppenverstärkung oder Truppenabzug, aggressives Vorgehen gegen mögliche Terroristen oder präventive Aufstandsbekämpfung im „stillen Kämmerlein“ durch Barack Obama der Stab gebrochen. Der Präsident gerät durch diese Zuspitzung auf ihn in eine extreme Abhängigkeit von Experten. Experten, die immer einer bestimmten politischen Fraktion das Wort reden.

Visionen haben es in dieser Welt des Faktischen sehr schwer und Obamas „Yes we can“ verkommt zu einem „Yes we must“. Wir müssen in Afghanistan und Pakistan bleiben, wir müssen die Truppenkontingente erhöhen, wir müssen die Bewaffnung der Truppen erhöhen und so weiter und so fort. Obama schlägt sich gut in diesen Abhängigkeiten und das zu zeigen ist das Verdienst des lesenswerten Buches von Bob Woodward. Man bekommt ein Verständnis für die unpopulären Entscheidungen Obamas im Zusammenhang mit den Kriegen am Hindukusch und man bekommt auch Respekt für Barack Obama. Es wird deutlich, dass er trotz der erdrückenden Faktenlage nicht aufgibt, Dinge zu verändern – und sind die Schritte dahin noch so klein,

Bob Woodward: Obamas Kriege. Zerreißprobe einer Präsidentschaft

DVA – München 2011

496 S. – 24,99 €


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