Steffen Kühn | Drucken07.10.2011 

Die unentdeckte Welt kindlicher Fantasien

„Die Voest-Kinder“ von Elisabeth Reichart ruft zum Entdecken auf

Elisabeth Reichart beschreibt die Kindheit eines Mädchens, das Mädchen hat keinen Namen, auch die anderen in der Familie sind namenlos: die Großmutter, der Großvater, Mutter, Vater und später einige Geschwister. Man braucht etwas Geduld, um sich in der namenlosen Welt und der dunklen Stimmung des Romans zurrecht zu finden. Von den Gedanken und Fragen eines (naiven) Kindes ausgehend wird die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich reflektiert.

Gab es das Tausendjährige Reich? Warum dürfen Erwachsene schwindeln? Das Mädchen ist neugierig, wissensdurstig, es überstrapaziert die Erwachsenen, die gerade dabei sind, den Nationalsozialismus wie einen Spuk zu vergessen. Das Mädchen rettet sich in die Phantasie, anfangs auch zur Freude der Erwachsenen, später muss sie ihre Welt verstecken: „Mit deiner Phantasie bringst du uns alle ins Unglück, die ganze Stadt lacht schon über uns, schimpfte die Mutter und schlug die Tür hinter sich zu.“ Das Mädchen erfindet jetzt eine eigene innere Welt, ihrer Puppe kann sie davon erzählen, rührend von Elisabeth Reichart geschildert: „… und beobachtete das Zittern ihrer Puppe und tröstete sie.“ Der Roman schwingt sich ein in die ruhige farbenfrohe Welt eines Kindes. Tragische Situationen verlieren in der kindlich einfachen Sprache ihre Schärfe: „Sie wusste nicht wem sie noch vertrauen konnte. Aber ohne Vertrauen war sie verloren, das spürte sie.“ Irgendwann hat sie mit der Welt da draußen nichts mehr zu tun, eine Welt, die oft so fremd ist, es aber gleichzeitig verbietet Fragen zu stellen.

Elisabeth Reichart schafft uns die Illusion in Kinderdenken- und Fantasien einzutauchen.

Es ist bemerkenswert mit welcher Detailtreue die Autorin vorgeht. Schöpft sie das alles aus eigenem Erinnern, hat sie Kinder befragt für diesen Roman? Letzteres fällt wohl weg, da ja der Reiz des Buches gerade darin besteht, die innere Welt ungestört, also ohne die Konventionen der Erwachsenenwelt betrachten zu können. Ein schönes Buch, was sensibilisiert für den Reichtum kindlicher Neugier, ein unentdeckter Reichtum liegt da verborgen. Reicharts Buch ist ein Aufruf diesen Reichtum zu entdecken!

Elisabeth Reichart: Die Voest-Kinder

Otto-Müller-Verlag

Salzburg 2011

301 Seiten – 22 Euro


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach