Steffen Kühn | Drucken28.04.2011 

Der Flick-Komplex

Ein Sachbuch zeigt Friedrich Flick als einen Katalysator der Deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts

Wie war es möglich, das Friedrich Flick, ein Holzhändlersohn aus dem Siegerland quasi aus dem Nichts einen der einflussreichsten Industriekonzerne Deutschlands im 20. Jahrhundert erschaffen konnte? Welcher Zusammenhang besteht zwischen industriellen Großkomplexen und politischen Systemen? Ist Skrupellosigkeit eine Voraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum? Sind familiäre Zerwürfnisse die natürliche Folge von patriarchalen Strukturen? Das sind nur einige Fragen, mit den sich Flick – Der Konzern, die Familie, die Macht auseinandersetzt. Das vorzüglich strukturierte Sachbuch ist unter der Federführung des renommierten Historikers Norbert Frei entstanden. Gemeinsam mit Ralf Ahrens, Jörg Osterloh und Tim Schanetzky wurden innerhalb von drei Jahren Tausende von Dokumenten ausgewertet. Entstanden ist ein wissenschaftliches Werk, welches auf fast 800 Textseiten den ernsthaften Versuch unternimmt den Mythos „Flick“ in die jeweiligen zeitgeschichtlichen Zusammenhänge zu stellen. Die hervorragend dokumentierte Zeitgeschichte macht den großen Reiz dieses Buches aus, das nun auch als Paperback zu haben ist – der Flick-Komplex als Vergrößerungsglas der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Man merkt dem Text die Urheberschaft von vier Wissenschaftlern nicht an. Seine intelligente sprachliche Sachlichkeit strukturiert die verschiedensten Zusammenhänge in überschaubare und damit spannende Themen. Die Autoren verfallen nicht der Gefahr durch Wertungen oder gar Urteile den sachlichen Zusammenhängen eine tendenzielle Richtung zu geben, nein es wird dem Leser überlassen, die aufgeworfenen Fragen für sich zu beantworten oder auch angesichts der Komplexität auf Antworten zu verzichten. Gerade beim Thema der politischen Einflussnahme, welches sich durch das gesamte Buch zieht, wirklich jargonfrei die Geschichte aus den heute noch vorliegenden Dokumenten zu rekonstruieren, ist ein großes Verdienst des Buches. Ob vom Kaiser, von den Übergangsregierungen der 20er Jahre, vom Naziregime oder von bundesdeutschen Regierungen: dem Unternehmer Flick waren Subventionen, Steuererleichterungen und zinsgünstige Darlehn immer Mittel zum Zweck – der Gewinnmaximierung seines Konzerns. Wie er dabei politische Verhältnisse und Personen nutzte zum Teil instrumentalisierte ist ein besonders spannendes Kapitel. Die Abhängigkeit von Industrie und Politik erscheint nach der Lektüre in einem fast nur noch sachlichen Verständnis, ein Wechselspiel zwischen den Personen, welche die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen, und denen, welche durch ihr unternehmerisches Wirken die materielle Grundlage einer Gesellschaft erzeugen. Auch hier kann sich der Leser sein Urteil selbst bilden, besonders die Darstellung der politischen Verhältnisse in der DDR der 50er und 60er Jahre und das heutige Wissen um den Ausgang des Projektes, die Produktionsverhältnisse zu vergesellschaften, gibt diesen Fragen eine spannende Aktualität.

Flick ist ein Buch, das Lust auf mehr macht: Mehr wissenschaftliche Kompetenz bei der Darstellung von Personen der Zeitgeschichte, ein Mehr an sachlich intellektueller Darstellung und mehr Mut zu Büchern, die Fragen intellektuell auf höchsten Niveau stellen und so den Leser unmittelbar einbeziehen, freilich dem Leser auch etwas abverlangen, denn nach zwei durchgelesenen Nächten hat man die fast 800 Textseiten nicht bewältigt!

Norbert Frei, Ralf Ahrens, Jörg Osterloh & Tim Schanetzky:

Flick – Der Konzern, die Familie, die Macht

Pantheon

München – 2011

912 S. – 19,90


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