Steffen Kühn | Drucken31.10.2010 

Alles nur Ersatzhandlung?

Das Turboleben des Fritz J. Raddatz – aufgezeichnet in seinen jüngst erschienenen Tagebüchern der Jahre 1982 bis 2001

Fritz J. Raddatz konnte nun doch nicht widerstehen, noch zu Lebzeiten ließ er seine Tagebücher drucken. In früheren Äußerungen hat er sich sehr kritisch mit diesem Genre auseinandergesetzt und mit Skepsis beginnt er seine Aufzeichnungen: „Ein Tagebuch: Es schien mir eine indiskrete, voyeurhafte Angelegenheit, eine monologische auch – ich möchte nie hinterher, wenn die Gäste weg sind, aufschreiben wie sich Augstein oder Biermann, Grass oder Wunderlich benommen haben.“ Und doch tut er es, tut es seinen Schriftsteller- und Künstlerkollegen gleich, die selbst an ihrem Ruhm herumschreiben. Da werden Namen gesammelt wie seltene Porzellantassen. Wer behauptet, das nur für sich selbst zu tun ohne auch schon an Veröffentlichung zu denken, lügt. Raddatz’ Tagebuch ist ein kalkuliert-indiskreter Blick durch das Schlüsselloch der Bundesrepublik.

Die ersten zehn Jahre stehen unter der Überschrift: „ICH und mein Pörschlein“. Pörschlein ist ein Begriff, den er selbst verwendet. Tolle Reisen, luxuriöse Hotels und immer reichlich Champagner – im internationalen Jetset dabei zu sein, das ist ihm wichtig. Immer vergleicht er seinen (immer wieder betont: EIGENEN) Besitz mit dem seiner Gesprächspartner. Es ist natürlich, dass daraus eine Unzufriedenheit erwächst, immerhin verkehrt er mit Millionären wie Bucerius, Augstein oder Grass. Man fragt sich bald, was das alles soll, und schnell kann einem der arme Fritz leid tun, nicht weil er so arm ist, sondern weil er es einfach nicht schafft mit seinem Luxusleben in drei eigenen Wohnungen (Hamburg, Sylt, später Nizza) zufrieden zu sein. Dieses ewig Materielle ist ein ziemlich präsenter Teil des Tagebuches. Der eigentliche literarische Teil geht nicht weit über Raddatz’ 2003 herausgegebene Erinnerungen hinaus. Das ist schade und enttäuschend, die interessantesten Schilderungen des literarischen Lebens, die vielen auch amüsanten Anekdoten um Hans Mayer, Günter Grass, Rolf Hochhuth, Thomas Brasch und viele andere Literaten kennt man schon.

Und dann das wichtigste, durch alles hindurch schimmernde Thema: Fritz J. Raddatz’ Sucht nach Anerkennung, Wärme und Liebe. Am Ende vermutet man hier den entscheidenden Impuls für Raddatz’ hochgeschwindiges Leben. Anerkennung sucht er vor allem für seine literarischen Arbeiten. Es reicht nicht, als einer der interessantesten und stilprägendsten Feuilletonisten des deutschsprachigen Raumes wahrgenommen zu werden. Nein, argwöhnisch beobachtet, registriert und notiert man jede Äußerung und vor allem jede Nichtäußerung auf eine literarische Arbeit: „Schließlich bin ich auch Autor – herrlich, sich vorzustellen, man schreibt gleichsam zufällig einen Bestseller oder bekäme einen richtigen Preis: wie sie einem hinterherliefen!“ Oh, wie ist das anstrengend! Noch anstrengender sind die Schilderungen seines Sexuallebens. In der Regel schwul, aber auch Abenteuer mit Frauen genießend, schildert er sein – ja soll man das eigentlich noch so nennen – polygames Leben. Hinter jeder Ecke lauert eine Versuchung, hinter jeder Ecke also die Frage: Reicht mein Sexappeal trotz Alters noch aus? Immer mal taucht ein Herr auf, mit dem man mal einen One-Night-Stand ..., na Sie wissen schon. Das begreift, wer will. Warum solche privaten Dinge der Druckerpresse und damit der Öffentlichkeit preiszugeben? Aber hat sein Sexualleben nicht schon ziemlich ungewöhnlich begonnen? „Die Frau meines Vaters ist die erste Frau, mit der ich geschlafen habe“, schreibt er 2003 in seinen Erinnerungen. Ist gar das ganze Turboleben des Fritz J. Raddatz nur (vergebliche) Ersatzhandlung? Selbst wenn, das literarische Leben der Bundesrepublik hat er durch sein Lebenswerk entscheidend mitgeprägt. Man möchte ihm diese Tagebücher deshalb gern verzeihen.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. 1982-2001

Rowohlt 2010

Reinbeck

900 S. – € 34,95


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