Tobias Prüwer | Drucken27.10.2011 

Die Logik der Mitte

Das Motiv der Mitte ist eine alte, ja überkommene politische Denkfigur – leider führt auch Herfried Münklers Buch „Mitte und Maß“ nicht über sie hinaus

Wir setzen unseren Stuhl in die Mitte – das sagt mir ihr Schmunzeln – und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.
Friedrich Nietzsche


„Die Mitte ist die Beste“, wusste schon ein antiker Sinnspruch zu mahnen. Und der griechische Staatsmann Solon beschrieb seine Kunst des Regierens wie folgt: „Ich stand in der Mitte und hielt den kräftigen Schild, dass nicht ungerecht eine Seite siege.“ Seit der Antike also bildet die Idee des Maßhaltens einen Strang des ethischen Denkens. So kennzeichnete Aristoteles das tugendhafte Leben als zwischen den Lastern in maßvoller Mitte ruhend. Diese Vorstellung übertrug er auf die politische Ordnung. In der Mischverfassung sollten sich Aristokratie, Demokratie und Monarchie zur guten Staatsform mischen. Seither gilt die Mitte immer wieder als welt-anschauliche Kategorie. Bei Pascal etwa tritt Mittelmäßigkeit (médiocreté) als höchstes Gut auf und er fordert, die richtige Mitte (juste milieu) zwischen den „Extremen“ zu halten.

In der Vorstellungswelt formte sich so die harmonische, von „außen“ bedrohte „Mitte der Gesellschaft“. In der Sitzordnung der französischen Nationalversammlung manifestierte sich das Mitte-Extrem-Denken schließlich räumlich, „rechts“ und „links“ wurden zum benannten Übel, was sich im simplen wie falschen „Halbkreismodell“ (Wolfgang Wippermann) der Extremismustheorie bis heute fortsetzt. „Extrem“ wurde auf diese Weise zum Kampfbegriff, mit dem in diesen Tagen gerade in Sachsen in Freund und Feind unterteilt wird – etwa wenn sich FDP und CDU an Anti-Nazi-Protesten höchstens dann beteiligen wollen, wenn ein Zeichen „gegen jeden Extremismus – von rechts und links“ gesetzt werden würde. Die viel diskutierte Extremismusklausel, mit deren Unterschrift Initiativen gegen Rechts die Verfassungstreue aller Kooperationspartner erklären müssen und so bereits im Vorfeld kriminalisiert werden, zeigt den politischen Einsatz der in der Wissenschaft umstrittenen Extremismustheorie. (http://demokratiebrauchtuns.de/blog/pressemitteilung/presseerklarung-der-bundesarbeitsgemeinschaft-demokratieentwicklung/#more-144)

„Extreme heißen die, welche keine richtige Mitte anerkennen wollen“, formulierte der Liberale Wilhelm Traugott Krug bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts und prophezeite ein „Zeitalter der Extreme“. Dass sich Theoretiker des Extremismus auf eine solche Tradition der Mitte stützen, überrascht wenig. Dass sie diese idealtypisieren auch nicht. Wozu Geschichtssinn, wenn sich von Aristoteles bis zur Gegenwart ein „Reich der Mitte“ konstruieren und sich darin niederlassen lässt? Das seltsame Denken der Gesellschaft und ihrer „Ränder“ ist im Bild der Mitte gefangen, kann scheinbar problemlos zwischen „Normalem“ und dem Rest unterscheiden. Vom Unwillen der Differenzierung getragen, ist es aber per se diskriminierend und setzt zudem begründungslos „rechten“, „linken“ und „Ausländer“–„Extremismus“ gleich.

Gerade die fehlende Trennschärfe ermöglicht die Gemeinschaftskonstitution. Unter dem Eindruck vermeintlicher Störer rückt man zusammen. Normalisierungsdruck sowie Ausschluss sind die Konsequenzen. Die „Mitte“ wird so zum ordnenden Prinzip, „extrem“ zur Zuschreibung für alle AbweichlerInnen vom gesellschaftlichen Maßstab. „Vor allem die triadische Vorstellung gesellschaftlicher Stratifikation ist heute tief in die Art und Weise eingedrungen, wie der einzelne soziale Akteur die Gesellschaft wahrnimmt. [...] Die Trennung in Oben, Mitte, Unten und Rechts, Mitte, Links scheint zunächst ausreichend, um sich und andere alltäglich im sozialen Raum zu verorten“*. Zudem bietet eine solche Mittelposition die Möglichkeit, sie eben nicht positionieren zu müssen, weil man vermeintlich neutral steht oder sich sogar als „unpolitisch“ – eben weder „rechts“ noch „links“ – bezeichnen kann.

Alte Mitte, neue Mitte: Nicht erst seit den 1990er Jahren ist ein Kampf um die richtige Mitte ausgebrochen, wie der Berliner Politologe Herfried Münkler in seinem Buch Mitte und Maß zeigt. Aber die sogenannten Volksparteien behaupten vehementer denn ja jeweils die gesellschaftliche Mitte zu repräsentieren. In Münklers auf weiten Strecken kluger Lektüre erfährt man, wie vielfältig das Motiv der Mitte und die oft daran gekoppelte Vorstellung des Maßes und Maßhaltens in der abendländischen Denk- und Politikgeschichte auftaucht. Auch der Autor setzt bei Aristoteles an. Er entfaltet allerdings keine simple Ideengeschichte der Mitte, die historische Brüche kittet, wie es Extremismustheoretiker wie der Dresdner Professor Uwe Backes tun, um sich historische Legitimität zu verschaffen. Münkler seziert, wie Mitte immer auch mit Macht und Räumen assoziiert wurde und wie sie als Mittelschichtprinzip die Hoffnungen der Bürger auf Aufstieg und/oder Sicherheit verkörperte. So erhellend das Buch in seiner beschreibend-analytischen Weise ist, so negativ schlägt sich der Umstand nieder, dass auch Münkler noch an der Mitte als politischem Gesellschaftsbild festhält. Da ist eben noch zu lesen, für was die Mitte alles herhalten muss und musste und dann schließt Münkler damit, dass die politischen Richtungskämpfe der BRD in den kommenden Jahren vermehrt innerhalb der Mitte stattfinden werden.

Der Blick auf eine bessere Beschreibung des sozialen Gefüges bleibt solcherart weiterhin verstellt. Durch das Axiom des Maßes gesetzt, kommt in der Mitte die Frage der Angemessenheit des Mittelmaßes nicht auf. Hält man wie Münkler an der vermeintlichen Natürlichkeit dieser Vorstellung fest, ist die Basis für die verquere Extremismustheorie weiterhin gelegt. Darüber hinaus bleiben so wichtige Fragen über politische Orientierungen ausgeblendet, die eben inhaltlich und nicht in quasi-räumlichen Gesellschaftsbildern verhandelt werden müssen. Nirgends findet sich eine detaillierte Beschreibung dessen, was eine gesellschaftliche Mitte an geteilten Grundüberzeugungen, Haltungen und Werturteilen zusammenhält. Aber wer die „Extremisten“ sind, da ist sich die vermeintliche Mitte plötzlich sehr einig.


Der Schurke ist immer der andere, stets derjenige, auf den der rechtschaffene Bürger, der Vertreter der moralischen oder rechtlichen Ordnung, mit dem Finger zeigt. Er erscheint immer in zweiter oder dritter Person
Jacques Derrida


* Peter Fischer: Mitte, Maß und Mäßigkeit. Zur Idee und Relevanz eines gesellschaftlichen Mittebezugs, Hamburg 2007, S. 19


Herfried Münkler: Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung

Rowohlt Berlin

September 2010

301 S. – 19,95 Euro

Rowohlt-Website

Leipziger Blog gegen jeden Extremismusbegriff

Lektüretipp:

Das Leipziger Forum für kritische Rechtsextremismusforschung hat in diesem Jahr den Sammelband Ordnung.Macht.Extremismus. Effekte und Alternativen des Extremismusmodells herausgebracht, der sich der eingehenden Kritik der Extremismustheorie verschreibt. (www.ordnungmachtextremismus.de) Der Autor Tobias Prüwer ist mit einem Beitrag über das Motiv der Mitte in erwähntem Sammelband vertreten.

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