Steffen Kühn | Drucken15.11.2011 

Wie ein strahlender Herbsttag

Julien Greens letzter Roman „Der Unbekannte“ spielt mit den Ambivalenzen menschlichen Daseins

Wenn man für Julien Greens Der Unbekannte ein Bild finden müsste, könnte das so aussehen: Ein strahlender Herbsttag, die Sonne ist über die Mittagszeit gerade so warm, dass man genüsslich die Strahlen genießt, aber an den Füßen ist es schon kalt, die Feuchtigkeit der Nacht steckt noch im Boden. Die Bäume schillern in prächtigen Farben, die Blätter rauschen wohlig im Wind, aber die ersten fallen schon. Das Jahr liegt zum großen Teil hinter einem, hinter den geschlossenen, die Sonne genießenden Augenlidern tauchen schöne Erinnerungen auf. Gleichzeitig setzt aber auch Wehmut ob des bald zu Ende gehenden Jahres ein, überdies der Unwille, sich in geschlossenen Räumen vor der Nässe und Kälte der kommenden Tage schützen zu müssen.

Julien Green spielt in Der Unbekannte mit den Ambivalenzen unseres Daseins. Aus der Unbeherrschtheit der Jugend, einem grenzenlosen Hunger, erwächst lähmende Unsicherheit. Der ständige Wunsch, woanders zu sein, weil man sich niemals zufrieden geben kann, ist der Grund für den entstehenden Druck, gegen die Verlockung einfach loszulassen, sich aufzugeben letzten Endes. Mehr lässt sich zum Inhalt kaum sagen. Das liegt aber nicht daran, dass kein Inhalt vorhanden wäre. Vielmehr verhält es sich wie bei den Filmen von David Lynch: Nacherzählen ist zwecklos, man muss es gelesen haben. Die Übersetzung von Elisabeth Edl ist ganz großes Kino. Wie sie die Melancholie Julien Greens einfängt, wie sie es schafft, in die Endzeitstimmung des fast 80-jährigen Schaffens leuchtende Flecken eines glücklichen, aber immer noch suchenden Menschen einzuflechten, verdient großen Respekt.

In Julien Greens Tagebüchern, 2000 erschienen, kann man lesen, wie er in dem Augenblick, als er nicht mehr fähig war zu schreiben, seinen Sohn Jean-Eric bat, die letzten unleserlichen Aufzeichnungen zu vernichten. Danach ist er gestorben, hat er seinen Hut in Würde genommen. Diese Würde und der unerschütterliche Glaube an den Sinn des Daseins sind das Thema seines postum erschienenen letzten Romans.

Julien Green: Der Unbekannte

aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl
Hanser Verlag München

August 2011

96 S. – 12,90 Euro


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