Tobias Prüwer | Drucken29.12.2010 

Die Geste der Philosophie

Sachkundig und profunde bestimmt Karl-Heinz Lembeck die Rolle der Philosophie und liefert ein kluge Einführung ins Metier gleich mit

Die wahre gesellschaftliche Funktion der Philosophie liegt in der Kritik des Bestehenden. Das bedeutet keine oberflächliche Nörgelei über einzelne Ideen oder Zustände, so als ob ein Philosoph ein komischer Kauz wäre. ... Das Hauptziel einer derartigen Kritik ist es zu verhindern, daß die Menschen sich an jene Ideen und Verhaltensweisen verlieren, welche die Gesellschaft in ihrer jetzigen Organisation ihnen eingibt.
Max Horkheimer: Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie

Die Philosophie befindet sich mindestens in einem Dilemma. Einerseits scheint sie den Menschen als akademische Disziplin, nicht selten institutionell wie in verschwurbelter Fachsprache als abgeschottet wahrgenommen, nichts (mehr) zu sagen zu haben. Andererseits trägt ihre Trivialisierung zur „Firmenphilosophie“, zum schlichten Lebensmotto von Stars und Sternchen sowie zur modischen „Lebenskunst“ à la „mit sich selbst befreundet sein“ nicht gerade zur Reputation der guten philosophischen Sache bei. Was will man da noch von Versuchen ihrer Selbstvergewisserung erwarten? Wie kann sich Philosophie noch behaupten (und muss sie das)? Oder kann sie sich nur noch als Selbstbehauptung zur Wehr setzen?

Philosophie als Zumutung? fragt Karl-Heinz Lembeck daher leicht provozierend im Titel seiner Studie, die sich aus verschiedenen Vorträgen und Aufsätzen sowie Skizzen zum prismatischen Blick auf Glanz und Elend der Philosophie fügt. Zu Beginn stellt er fest: „Wer von der Philosophie Antworten auf die Probleme der Gegenwart erwartet, muss nämlich zuvor bereit sein, die Problemstellung zu ändern: nicht die vielfach drängenden Probleme selbst, sondern die Art des Umgangs mit ihnen muss ihm zum Problem werden.“ – Wer, so lässt sich paraphrasieren, nach Lösungen für die Krise des technischen Zeitalters sucht, schlägt besser nicht im Kapitel Technologie nach.

Geradezu mustergültig für das kluge wie unaufgeregte Argumentieren exerziert Lembeck die verschiedenen Ansprüche sowie Anrufungen an die Philosophie durch und weist die anmaßenden mit profunder Begründung ab. So stellt sich Philosophie weder als metaphysischer Rest aus einer überlebten Zeit noch als befindlichkeitsgetriebene Quasselveranstaltung dar, ist weder rein wissenschaftstheoretische Fundamentlegung noch an der empirischen Wissenschaft überhaupt ausgerichtet, die gemeinhin zum Paradigma für das Wissenschaftsverständnis wurde. Philosophie ist ohnehin, so Lembeck, Vollzug, nicht starrer Gegenstand. Ihr Wesen, ums so auszudrücken, besteht im Philosophieren, weshalb Lembeck auch von der „Geste der Philosophie“ spricht. Ins Philosophieren gerät man nicht so einfach hinein, sie verlangt vielmehr eine Einstellung – Philosophie, so könnte man formulieren, ist dann eine bestimmte, reflexive Haltung zur Welt und sich selbst. Sie erscheint dann als Zumutung, wenn sie gerade in den Wissenschaften nach zugrunde liegenden metaphysischen Annahmen fragt und ihre Selbstverständlichkeiten sowie ihr Selbstverständnis von innen heraus erschüttert – nicht mit dem Ansinnen, sie abzuschaffen zu wollen. Vielmehr soll die Wissenschaft in ihrem Geltungsbereicht gut begründet neben anderen Formen der Welt-Orientierung zur Geltung kommen. Der manchmal formulierte totale Anspruch auf Weltdeutung aber muss genauso zurückgewiesen werden, wie die schleichende Kolonisierung der Lebenswelt, des alltäglichen Weltverständnisses durch (empirisch-)wissenschaftliche Theoreme, Schau-Bilder und Metaphern. Eine solche Aufgabe kommt der Philosophie zu und wenn Lembeck die Universitätslandschaft sowie die gesamte technokratisch und auf Experten ausgerichtete Wissenskultur gleich mit problematisiert, dann ist das nur konsequent.

Der Clou in Lembecks Ausführungen: Ohne trivial, reduktionistisch und unterkomplex zu sein ist seine wissenschaftliche Studie auch für einen größeren Publikumskreis zugänglich. Seine klare Sprache und Gedankengänge zeichnen diese als eine Einführung in die Philosophie aus, gerade weil der Studie ein allzu oft gewollt leichter Zugang vollends abgeht.

Mir scheint ... die wichtigste Frage aller Philosophie zu sein, wie weit die Dinge eine unabänderliche Artung und Gestalt haben: um dann, wenn diese Frage beantwortet ist, mit der rücksichtslosesten Tapferkeit auf die Verbesserung der als veränderlich erkannten Seite der Welt loszugehen.
Friedrich Nietzsche: Richard Wagner in Bayreuth

Karl-Heinz Lembeck:

Philosophie als Zumutung? Ihre Rolle im Kanon der Wissenschaften

Königshausen & Neumann – Würzburg 2010

286 S. – 24,80 €

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