Fabian Stiepert | Drucken17.09.2011 

Die eigene Kindheit als Klischee

Keto von Waberers Kindheitserinnerungen „Seltsame Vögel fliegen vorbei“ sind eine unstrukturierte Sammlung von Banalitäten

Für manche Autoren braucht man einen Ort außerhalb der Buchhandlungen, um sie kennenzulernen. Wer gerne auf Flohmärkte geht, kennt den Reiz, Bücher optisch und haptisch zu erfassen, die noch so ganz anders aussehen als die heutige Konfektionsware, die in den Buchtempeln der Innenstädte stapelweise ausliegt. Eine Studentin riet dem Rezensenten vor fünf Jahren auf einem Flohmarkt zum Kauf von drei Büchern Keto von Waberers. Allesamt Erzählbände und noch mit dem alten Einband der DTV-Reihe versehen. Es stellte sich heraus, dass die Studentin nicht nur schön war, sondern auch Ahnung von schöner Literatur besaß. Alle drei der leicht angedunkelten Taschenbücher waren innerhalb weniger Tage ausgelesen. Passionierte Leser lieben so etwas: Einen Autoren für sich entdecken, den sonst nicht jeder unbedingt kennt und sich klammheimlich möglichst viel von ihrer Entdeckung einverleiben.

Doch was macht man bloß, wenn man von seinem liebgewonnenen Geheimtipp enttäuscht wird? Die Autorin ganz abschreiben? Keine sinnvolle Verfahrensweise, wenn man bedenkt, was für Stunden der Muße man mit den anderen Büchern Keto von Waberers verbracht hat. Im vorangegangenen Erzählungsband Umarmungen, der 2007 erschienen ist, knisterte es nur so vor subtiler Erotik und zwischenmenschlichen Geheimnissen. Aber hier offenbart sich ein weiteres Problem mit der Kritik am neuen Buch von Keto von Waberer. Es schlägt inhaltlich und thematisch nahezu völlig aus der Art ihrer anderen Bücher. In Seltsame Vögel fliegen vorbei erzählt die Autorin von sich selbst, somit ist dies das zweite ausgewiesen autobiographische Buch neben dem Roman Schwester.

Leider wirkt der Text in seiner Sprunghaftigkeit immer wieder zusammengeschustert und unstrukturiert, was beim Lesen schnell für Lustlosigkeit sorgt. Eine konkrete Handlung lässt sich ebenso wenig ausmachen, was ja durchaus verzeihbar wäre, wenn der Text ein klares „movens“ und eine Intention erkennen ließe. Man könnte fast meinen, man hätte es hier mit einer Fleißarbeit im Erinnern zu tun, so randvoll sind die Seiten mit Sinneseindrücken, Kinderspielen und Geschichten über die drakonischen Eltern, deren Hauptanliegen die Züchtigung der leicht ungestümen Kinder darstellt. Am Ende werden noch schnell in einem Aufwasch die aufflammende Liebe zur Literatur und die üblichen Schulgeschichten wiedergegeben. Diesmal sind es eben keine Bubenstreiche, sondern die Auswüchse eines schwer pubertierenden Mädchens. Trotzdem hat man das alles schon tausendfach und besser gelesen. Was die Beschreibung einer prägenden Kindheit und Jugend darstellen soll, gerät so zur Aneinanderreihung von Klischees.

Abseits des Inhalts hat das Buch auch stilistisch nicht viel zu bieten. Das ganze Buch über verharrt von Waberers Schreibe in einem parataktischen Satzbau, der das, was war, als etwas beschreibt, das jetzt auf einmal wieder ist. Doch warum diese zur Schau gestellte Gegenwärtigkeit dieser Kindheitserinnerungen? Die Geschichten vom Spiel mit der schwarzen Köchin (Soll das eigentlich eine Anspielung auf Die Blechtrommel sein? Ja! Ja! Ja!? Oder Nein! Nein! Nein!?) und rohrstockschwingenden Lehrern sind fernab der deutschen Gegenwart, von Zeitlosigkeit ganz zu schweigen. Wenn der Inhalt schon wenig Spannendes bietet, so ist es umso bedauerlicher, wenn die Form genauso an ihrem Anspruch scheitert.

Letztendlich handelt es sich bei diesem Buch um einen Ausrutscher, über den man nicht allzu viele Worte verlieren sollte. Keto von Waberer hat häufig genug bewiesen, dass sie sehr gut schreiben kann.

Keto von Waberer: Seltsame Vögel fliegen vorbei

Berlin Verlag

Berlin – Februar 2011

180 S. – 19,90 €


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