Fabian Stiepert | Drucken15.08.2011 

„Er soll es für mich spielen“

Marc Fischers „Hobalala“ ist eine unterhaltsame Detektivgeschichte und lehrreich zugleich

Gesucht wird ein Mann. Musiker, 80 Jahre alt, Name: João Gilberto. Er ist der bekannteste Sänger Brasiliens, aber darüber hinaus weiß kaum einer, wer er wirklich ist. Eine lebende Legende und Rätsel zugleich. Fast jeder hat seine Stimme schon einmal gehört, obwohl er immer so verdammt leise singt. Ohne João Gilberto ist der Welthit Girl from Ipanema kaum denkbar. Er hat eine Stimme, die wie kaum eine andere nach Sehnsucht klingt. Wer sonst könnte von diesem einen Mädchen singen? Jenem Mädchen, das vor etwa fünfzig Jahren Zigaretten holen ging, beobachtet von Antonio Carlos Jobim und João Gilberto, die zu zweit in einer Bar in Ipanema saßen, aus dem Staunen nicht herauskamen und Jobim zur Komposition eines Evergreens inspirierte.

Marc Fischer fuhr fünf Wochen nach Rio, um den wichtigsten Interpreten und gleichzeitig die Seele dieses Liedes zu treffen. Bewaffnet mit seiner Assistentin und Übersetzerin „Watson“ und einer alten Gitarre, auf der João Gilberto doch bitte das titelgebende Lied Hobalala spielen soll, trifft Marc Fischer auf viele Menschen, die meinen, das große Phantom zu kennen. Da gibt es die junge Geliebte, die seit Jahrzehnten an einem Dokumentarfilm über ihren fast doppelt so alten Liebhaber arbeitet. Einen Koch, der über Jahre hinweg täglich ein Steak vor die Tür von Gilbertos Apartment gestellt hat und den dafür fälligen Geldbetrag jedes Mal durch den Türschlitz entgegennahm. Oder auch den angeblich besten Freund, der ihn täglich sieht und auch seinen Lebensrhythmus teilt. Denn ein Phantom ist nur in der Nacht wirklich wach.

Zehn Stunden übt Gilberto immer noch jeden Tag Gitarre und versucht einen schier unerreichbaren Grad an Perfektion zu erlangen. Der Proberaum ist die Toilette eines Apartments, das seit rund 30 Jahren nur sporadisch verlassen wurde. Das letzte Konzert hat Gilberto 2008 in Rio gespielt. Vier Jahre davor gab er vier umjubelte Konzerte in Tokio, bei denen das japanische Publikum über fünfundzwanzig Minuten lang Standing Ovations gegeben haben soll. Der Veranstalter dieser Konzerte soll sich bis heute nicht von Gilbertos merkwürdigem, überempfindlichem und vereinnahmendem Charakter erholt haben. Sobald die Raumtemperatur nicht stimmt oder sich übermäßiges Räuspern im Zuschauerraum bemerkbar macht, wird ein Konzert nämlich auch mal kommentarlos oder mit einem lapidaren „Sie mochten es nicht“ abgebrochen. Was diesen Mann überhaupt noch auf die Bühne treibt, ist eine berechtigte Frage.

Die Faszination für diesen Einsiedler kommt also auch abseits seines unsterblichen musikalischen Werkes nicht von ungefähr. Entweder saugt er seine Mitmenschen wie ein Vampir emotional aus oder er heult mit seiner Gitarre nachts den Mond an. Keine Frage: João Gilberto ist ein angsteinflössender Mensch, auch wenn seine Musik zum Schönsten gehört, was jemals auf eine Schallplatte gepresst wurde. Ein Aufenthalt in Brasilien ist in Anbetracht von Favelas und rivalisierenden Banden im Drogenkrieg so oder so nicht immer ganz frei von Gefahren und dann möchte Marc Fischer auch noch diesen Mann treffen. Ein mutiges Unterfangen, das, wie von Anfang an erwartet, nicht gelingt. Dennoch überrascht das Ende dieser Reise und das Buch lässt einen verunsichert und beglückt zugleich zurück.

Trotz der musikalischen Suche ist Hobalala kein reiner Reisebericht. Die Qualitäten des Buches liegen auch darin, kulturgeschichtliche und politische Veränderungen im Brasilien der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre aufzuzeigen. Wer dachte, dass Bossa Nova nur mit Gitarrengeklimper und säuseligem Gesang zu tun hat, wird hier eines besseren belehrt. Über das spezielle Interesse an der Bossa Nova geht dieses Buch also zeitweise weit hinaus. Doch leider wird es keine weiteren Bücher dieser Art mehr von Marc Fischer geben. Unter nicht näher bekannten Umständen verstarb er im April diesen Jahres in Berlin. João Gilberto lebt immer noch in seinem Apartment als einsiedlerisches Genie. Was Hobalala überhaupt bedeuten soll, weiß nur er.

Marc Fischer: Hobalala – Auf der Suche nach João Gilberto

Rogner und Bernhard

Berlin – April 2011

197 S. mit 8 Fotos in s/w – 17,90 €


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