Tobias Prüwer | Drucken19.12.2011 

Übergewichtiger Schmerzensmann

Matthias Schultheiss legt mit „Daddy“ eine illustre Anti-Theodizee in Comicform vor

Mein Sohn, achte nicht gering die Erziehung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt. Hebräer 12


Es ist eine bizarre Jesus-Story, die Matthias Schultheiss da mit buntem, bösem Strich erzählt. Man kann sie auch nicht gerade als Weihnachtsgeschichte bezeichnen, obwohl sie zum Jahreswechsel derweil aufkommende endzeitliche Stimmungen durchaus abbildet. Zu Beginn des dritten Jahrtausends geben sich die Menschen nicht gerade als das, was man Gottes Schäfchen nennt. Kriege, Ausbeutung und die vielen kleinen Stiche des Alltags bestimmen ihr Leben. Ihr Benehmen stößt dem Allmächtigen richtig sauer auf, weshalb er ein Exempel zu statuieren gedenkt. Einmal mehr muss Jesus ran, soll es der fleischgewordene Junior richten. So will Gott seinen Sohn erneut ans Kreuz zwingen, um die Menschheit zu läutern und von ihren Sünden entlasten. Doch hat Jesus so gar keinen Bock auf Offenbarung.

Der hippieeske Jesus-Freak kann zwar selbst das Treiben der Menschen nicht mehr sehen, aber Gott soll gefälligst selbst eingreifen, statt die große Entschuldung zu planen. Mit Blindheit als Gottesstrafe geschlagen irrt Jesus fortan als „Don Quichotte des Universums“ über die Erde, von einem satanischen Gnom als Blindenhund begleitet. Sind Kinder in Not, dann greift er ein, ansonsten will er vom Herren nichts mehr wissen: „Vater, ich habe dich verlassen!“

Sein wundertätiges Wirken erregt den Argwohn des Heiligen Stuhles und die Geschichte droht sich zu wiederholen, wenn der Papst den Herodes gibt. Doch ist der Comic nicht ohne Wendungen. Schultheiss’ Anti-Theodizee ist eine ansehnliche Farce. Noch nie war Jesus so sehr Mensch. Dieser übergewichtige Schmerzensmann ist der einzige Sympath in einer finsteren Bilderwelt, die über drastische Darstellungen jedoch weit hinausgeht. Meinte Sartre einmal, die Hölle, das seien die anderen, so ist dies nur die halbe Wahrheit.

Matthias Schultheiss: Daddy

Splitter Verlag

Bielefeld 2011

72 S. – 15,80 Euro


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