Steffen Kühn | Drucken21.02.2011 

Ein hinreißend emotionaler Fluss

Nataša Dragnić’ Debütroman „Jeden Tag, jede Stunde“ macht glücklich

Immer wieder erscheint dieses „Lass uns hier verschwinden“, wenn Luka und Dora an die Grenzen der Realität stoßen. Auch immer wieder werden die beiden Liebenden durch das Leben getrennt, doch steckt in jeder Trennung der Glaube an das Wiedersehen und die Gewissheit darüber verbindet die beiden über die voran stürmende Zeit und über Ländergrenzen hinweg.

1986 die erste Trennung: Doras Eltern verlassen das kroatische Fischerdorf Makarska. Die unzertrennlich geglaubte Kinderfreundschaft zwischen Luka und Dora ist jäh beendet. Erst 16 Jahre später sehen sie sich in Paris wieder, in einer Galerie. Lukas Bilder hängen dort, die erfolgreiche Schauspielerin Dora ist zufällig mit ihren Freunden auf der Vernissage, plötzlich begegnet man sich in der Menge: „Lass uns hier verschwinden.“ Es folgen drei Monate des grenzenlosen Ineinanderversinkens in der Stadt der Liebe – Paris. Von einem kurzen Ausflug nach Makarska kehrt Luka dann nicht nach Paris zurück. Klara, Lukas Ex-Geliebte ist schwanger, Luka gibt dem moralischen Druck nach und heiratet sie, obwohl er Dora liebt. Zahlreiche Wendungen, Zusammentreffen und Trennungen folgen. „Was machen wir jetzt? Lass uns hier verschwinden.“ – so endet Nataša Dragnić’ Roman Jeden Tag, jede Stunde. Der Roman bricht ab, aber das Leben von Luka und Dora wird weitergehen und ob sich ihre Liebe jemals gegen die komplexen Verhältnisse wird durchsetzen können, bleibt offen.

Dragnić’ Roman ist ein sehr weiblicher Roman, die Initiative liegt immer bei Dora, schon bei der ersten Begegnung im Kindergarten: Luka wird ohnmächtig, Dora kniet sich neben den bis dahin völlig unbekannten Jungen und küsst ihn: „Du bist mein Dornröschen, nur mein, wach auf, mein Prinz, du ist mein Prinz, nur mein...“ Sehr poetisch verwebt Dragnić Bilder, Orte und der Plot: Eine grenzenlose Liebe – das endlose Meer, das Wiedersehen gerade in Paris, Lukas Scheitern am Leben und auch als Maler: Die ganze Geschichte ist ein emotionaler Fluss, hinreißend erzählt und hier liegt die dritte Dimension des Romans – die Sprache: „Es liegt etwas Seltsames in der Luft, wenn Dora und Luka zusammen sind. Man kann es nicht Frieden nennen und nicht Sturm: Es riecht nach Mandarinen und gerösteten Mandeln…“ Nataša Dragnić geht mit Sprache um wie ein Maler, der Farben vermischt, aufeinander schichtet, bricht und in neue poetische Zusammenhänge bringt. Vielleicht durch die natürliche Distanz zum Deutschen, zur zweiten Muttersprache erlangt die Autorin eine spannende Leichtigkeit und Freiheit. Viele Stellen sind dramaturgisch gesetzt wie ein Theatertext, diese holzschnittartigen Stellen kontrastieren mit hellen fließenden Momenten: „Und Luka ist glücklich. So glücklich, wie man sein muss, wenn man glücklich ist.“

Glücklich ist man, wenn man die letzten Seiten gelesen hat, so glücklich wie man nach dem Lesen eines Romans sein möchte.

Nataša Dragnić: „Jeden tag, jede Stunde“

DVA

München 2011

288 S. – 19,99 €


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