Steffen Kühn | Drucken01.11.2011 

Ein Blick durchs Schlüsselloch der 68er

Der erste Roman des Filmemachers: Oskar Roehlers „Herkunft“ bildet seine eigene Familienaufstellung

Da versucht jemand, mit dem kleinst-denkbaren Abstand die Geschichte seiner Familie, seine eigene Sozialisation zu rekonstruieren. Oskar Roehler, 51 Jahre alt, lebt heute als Drehbuchautor und Regisseur (Die Unberührbare, Elementarteilchen) in Berlin. Geboren wurde er in Starnberg bei München, Gisela Elsner ist seine Mutter und Klaus Roehler sein Vater. Beide sind Mitglieder der Gruppe 47, beide Protagonisten der so- und vielgenannten 68er-Generation, überdies haben beide Verbindungen zum Umfeld der RAF. Kinder waren in dieser Zeit nicht vorgesehen. Als Klaus Roehler erfolgreich verhindert, dass Gisela Elsner ihren Sohn abtreibt, beginnt für ihn eine Odyssee durch verschiedenste Stationen: Erst sind die Eltern zusammen, später sind sie getrennt, danach lebt er bei den Großeltern und schließlich endet er in einem Internat für Schwererziehbare.

Das ist die Geschichte des Autors, aber auch gleichzeitig die Geschichte der Hauptperson Robert des Romans Herkunft. Oskar Roehler hat seine Familiengeschichte aus Briefen und Tagebüchern seiner Eltern rekonstruiert. Robert ist das Trojanische Pferd für Oskar Roehlers Familienaufstellung und so wie die enthemmten 68er sich nur um sich selbst gedreht haben, dreht sich der Roman nur um Robert/Oskar. In einigen Medien wurde Herkunft als Beitrag zur Geschichte der Bundesrepublik gelobt. Der Zusammenhang zwischen subjektiven Erfahrungen und gesellschaftlichen Entwicklungen erscheint auch sehr reizvoll und ist ja gerade in den letzten Jahren von Autoren wie Raddatz oder Rühmkorf auf spannende Weise dargestellt worden. Herkunft löst dies jedoch nicht ein. Die fast 600 Seiten beleuchten jedes noch so unwichtige private Detail, einen Zusammenhang zu den Entwicklungen jener Zeit vermisst man. Klar ist es lustig zu schildern, wie Roberts/Oskars Vater als alternder Cheflektor junge Studentinnen abschleppt und sich die Absolution dafür am nächsten Tag in der Selbsthilfegruppe abholt. Aber ist das wirklich wichtig? Oder sind es die qualitativen und quantitativen Schilderungen von Roberts/Oskars Erfahrungen beim Masturbieren?

Vielleicht wäre es bei diesem Roman besser, nicht zu wissen, dass er auf Tatsachen beruhen soll. Man ist einfach oft in der Situation darüber zu urteilen, ob das nun wirklich in einen Roman gehört oder ob Robert/Oskar hier gewaltig übertreibt beziehungsweise ihm seine Erinnerung einen Streich spielt. Herkunft ist bestenfalls eine Vorlage für ein Drehbuch und Roehler arbeitet wohl schon daran, seinen Roman zu verfilmen. Man kann ihm dafür nur mehr Abstand wünschen und hartnäckige Gesprächspartner, welche Privates von allgemein Menschlichem zu trennen wissen.

Oskar Roehler: Herkunft

Ullstein Berlin

September 2011

592 S. – 19,99 Euro


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