Fabian Stiepert | Drucken20.07.2011 

Die Welt ist ein Dorf

Mit seinem neuen Roman „Vorabend“ hat sich Peter Kurzeck endgültig einen Platz unter den großen Autoren Deutschlands gesichert

Wenn man dieses Buch besprechen möchte, geht es einem wie dem Erzähler im Buch: Wo überhaupt anfangen? Vielleicht beim Autoren selbst, der immer noch zu wenigen bekannt ist, obwohl er seit fast fünfzehn Jahren akribisch an seiner autobiographischen Chronik Das alte Jahrhundert schreibt. Nicht weniger als zwölf Bände soll dieses Projekt am Ende umfassen und mit Vorabend ist gerade mal der fünfte Band erschienen. Zum Glück, denn selbst nach über 1.000 Seiten, die Vorabend zu einem dicken roten Ziegelstein von einem Buch machen, hat man das Gefühl, dass es noch viel aus den Jahren 1982 bis 1984 in Frankfurt zu erzählen gibt. Zwölf Bücher also, die drei Jahre im Leben des 1943 geborenen Peter Kurzeck widerspiegeln und nebenbei die Kindheit, Jugend und Adoleszenz des Autors im hessischen Staufenberg erzählen. Das alles geschult an der Tradition der mündlichen Erzählung, einer Erzählsituation, die sich immer wieder in Kurzecks Texten finden lässt.

Und welchen Zeitabschnitt bildet Vorabend ab? Eigentlich beginnt es dort, wo der vierte Band Oktober und wer wir selbst sind aufgehört hat. Wir befinden uns im Jahr 1983, einen Monat bevor sich der Erzähler von seiner Lebensgefährtin Sibylle trennen wird. Plötzlich erreicht ihn ein Anruf von Jürgen, einem alten Freund, der gerade eben von seiner Freundin Pascale verlassen wurde. Der Erzähler kann nicht anders und muss sich an Folgendes erinnern: Er fährt an einem Wochenende im Jahr 1982 mit Sibylle und der gemeinsamen Tochter Carina zu Jürgen und Pascale nach Frankfurt-Eschersheim. Es ist eins der letzten Wochenenden, die sie gemeinsam verbringen können, denn Jürgen und Pascale wollen bald ins kleine südfranzösische Barjac ziehen. Also muss die verbleibende Zeit intensiv genutzt werden. So fängt der er, von seiner Tochter immer wieder mit den Worten „Erzähl, Peta, Erzähl!“ motiviert, die Erzählung der Heimat Staufenberg an und so entfaltet sich ein Panorama der ganzen Welt. Er erzählt von der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg und wie das Dorf zu dieser Zeit fast noch autark von der Landwirtschaft gelebt hat. Wer kein Landwirt war, der war beim ortsansässigen Buderuswerk angestellt und hat sich dort kaputt gearbeitet in einer Knochenmühle aus körperlicher Schwerstarbeit und einem nahezu alles an Lebenszeit abverlangendem Schichtsystem.

Aber irgendwann hält auch die Konsumgesellschaft nach und nach Einzug in Staufenberg. Alles ändert sich. Auf einmal kaufen die Buderuswerkarbeiter jeden Morgen die BILD-Zeitung, lesen sie von vorne bis hinten durch und lösen das Kreuzworträtsel darin. Die Ringautobahn ums Dorf wird auch immer weiter ausgebaut und der ständige Verkehr überall löscht die einstige Stille aus. Alles ist immer leichter zu erreichen, denn jeder hat jetzt ein Auto. Riesige Supermärkte sind auf dem Vormarsch und verdrängen die kleinen Läden im Dorf. Die Menschen fangen an, die Prospekte der Supermärkte nach Sonderangeboten zu durchstöbern und fragen sich, wie all das, was man zum Leben braucht, auf einmal so günstig sein kann; und weil nun auf einmal alles so günstig ist, wird selbstverständlich viel auf Vorrat gekauft. Zumal man ja jetzt auch Kühlschränke hat, in denen sich alles auf lange Zeit lagern lässt. Ein Dorfteich wird einbetoniert, um noch mehr Parkplätze zur Verfügung stellen zu können. Da ist es egal, dass neben der Flora Staufenbergs auch Igel und Frösche zu leiden haben, solange die Bedürfnisbefriedigung der Menschen mit immer mehr Komfort verbunden ist. Alles, was das Dorf einmal ausgemacht hat, geht verloren und der Erzähler hat den Eindruck, dass er der einzige ist, der das merkt. Genau daraus entspringt auch schon in Kindertagen der Wunsch des Erzählers, einmal ein Dichter zu werden. Denn was einmal war, darf nicht verloren gehen.

Neben den Geschichten der befreundeten Frankfurter Pärchen, gibt es dann auch noch die Geschichte vom Schwager, dem heimlichen Helden dieses Buches: Wie er damals die Schwester des Erzählers kennengelernt hat und bei Buderus im Werk anfing zu arbeiten und auch nach Feierabend nie zu Ruhe kam, weil es ja immer irgend etwas am Haus oder anderswo zu machen gab. Der Schwager bleibt ganz unberührt vom einsetzenden Konsumwahn und bietet lieber seine Hilfe an, um Dinge zu reparieren, die sonst überhastet neu gekauft worden wären. Der Roman setzt dem unbeirrbaren Schwager ein literarisches Denkmal und befreit den gesamten Text vom sich ansonsten anbietenden Vorwurf des Autorennarzissmus.

Aber hauptsächlich ist der Verlust des Dorfes der Kindheit der Antriebsmotor der gesamten Erzählung. Kein Wunder, dass bei Kurzecks Werk immer wieder Vergleiche zu Marcel Prousts Recherche gezogen werden. Denn auch Kurzecks Das alte Jahrhundert ist eine schier unglaublich detaillierte Suche nach etwas verlorenem, dass getreu dem diesem Band vorangestellten Motto „Die ganze Gegend erzählen, die Zeit!“ rekonstruiert werden soll. Im Gegensatz zum selbstbewussten Proust fragt sich Kurzecks Erzähler immer wieder, wie das eigentlich gehen soll, vor allem wenn man die ständig vergehende Zeit bedenkt. Dieser Gedankengang zeigt einerseits, wie unzuverlässig Erzählung ist und zugleich manifestiert sich in Kurzecks Erzählerfigur, wie stark das mündliche Erzählen im Menschen als anthropologische Konstante verankert ist und uns alle zum „story telling animal“ macht.

Peter Kurzecks Vorabend ist bisher das Glanzstück seiner autobiographischen Chronik und nichts weniger als ein später, hart erarbeiteter („Schon mein ganzes Leben lang wollte ich dieses Buch schreiben“) und mehr als verdienter künstlerischer Triumpf. Abseits aller Kategorien der schönen Literatur findet man in diesem Roman eine grandios gelungene Nahaufnahme einer Gesellschaft im Wandel. Wer wirklich die Nachwehen des zweiten Weltkriegs und die Wirtschaftswunderjahre hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Ausprägung in Deutschland nachvollziehen möchte, der greife zu diesem Buch.

Vorabend ist das Meisterwerk eines begnadeten Erzählers über das unverhinderbare Verstreichen der Zeit und den Versuch, sie anzuhalten. Nach der Lektüre will man Peter Kurzeck auf die Schulter klopfen, ihm danken und sagen, dass das Staufenberg von damals nicht verloren ist. Es ist ganz nah, versteckt zwischen zwei Buchdeckeln.

Peter Kurzeck: Vorabend

Stroemfeld/Roter Stern

Frankfurt/M. – 2011

1015 S. – 39,80 €

www.stroemfeld.de

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