Mathilde Lehmann | Drucken07.01.2011 

Nachdenkliches Ungeziefer

Rawi Hages zweiter Roman schickt eine menschliche Kakerlake durch die Straßen von New York

Das große Krabbeln ist eröffnet. Ungeziefer schiebt sich durch die Grauzone am Rande der Gesellschaft. Kakerlake heißt der Roman, den der kanadische Schriftsteller Rawi Hage nach seinem Debüt und Bestseller Als ob es kein Morgen gäbe veröffentlicht. Hage schickt eine Kakerlake mit tiefsinnigen Gedanken und einer ganz besonderen Weltauffassung in das Reich der Buchstaben – nicht, dass dies nicht schon von anderen Leuten, großen Leuten, getan worden wäre. Die Form aber ist interessant, denn die Form ist neu. Der Protagonist sieht sich als Kakerlake, als das abstoßendste aller Geschöpfe. Er ist ein klassischer Pechvogel: ein verarmter Kleinkrimineller mit Migrationshintergrund, in einem Drecksloch hausend, unglücklich verliebt, mit Mutterkomplexen und Suizidversuch hinter sich, in Therapie. Doch Kakerlaken sind zähe Geschöpfe.

Hage inszeniert einen mäßig sympathischen Menschen. Es ist eine sehr gezielte und bewusste Darstellung eines Instinktgeschöpfes, an welchem man in der Realität wohl eher schnell vorbeiläuft und verärgert zischt, wenn man seine Probleme riechen kann. Davon hat die Kakerlake in der Tat viele, und sie manövriert sich in einen immer größeren Sumpf, aus dem sie aus eigener Kraft schwerlich wieder herauskommt. Der Strudel dreht sich schneller und schneller, die Handlungsstränge verknüpfen sich. Hages Erzählweise ist brillant, verfügt er nicht zuletzt über eine große Sprachgewalt, über eine besondere Sinnlichkeit, einen Blick für das Tragische und für die Spannungsmomente einer an sich so tristen Existenz.

Die Welten verschmelzen, Menschsein oder Tiersein: Das ist hier die Frage. Horcht man auf Instinkte oder eine höhere Moral? So menschlich der Protagonist auch beginnt, vernünftiges Handeln und das Talent des Denkens sein Eigen nennt, so kann er sich gegen niedere Instinkte, impulsives Reagieren nicht wehren. Das menschenähnliche Geschöpf wird von seiner Geschichte dahin und hinfort getragen und gleitet ziellos durch den Untergrund.

Eine altbekannte Frage treibt an die Oberfläche: Was soll das ganze Getue um das Leiden und den Herzschmerz, das Happy End folgt doch eh auf den Fuß? Man wage es nicht, eine Kakerlake zu unterschätzen! Das Buch ist vieles, doch seicht ist es nicht. Das Ende kommt weder erwartet noch enttäuscht es den Leser, so viel sei gesagt.

Wäre die Geschichte sonst eine simple Betroffenheitsstory, bekommt sie durch die Erzählweise Tiefe, durch die Kakerlakenmetapher einen bösen Witz. Dieser Kniff, dieser Griff in die Trickkiste sorgt für eine ganz eigenartige Stimmung, die den Leser zugleich anwidert und fasziniert. Kafkaesk, könnte man sagen. Man wird in das leidende Leben des Protagonisten hinein gesogen, indem man sich auf einer Reise durch die stinkende Kanalisation einer Zivilisation befindet. Kakerlake beinhaltet eine gut verkündete und begründete Mitteilung: Menschen können das schlimmste Ungetier aller Arten sein.

Rawi Hage: Kakerlake

Piper Verlag 2010 – München

312 S. – 19,95 €

www.piper-verlag.de

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