Tobias Prüwer | Drucken18.02.2012 

Hinein ins Dickicht des Politischen!

In seiner „Kritik der politischen Philosophie“ macht sich Raymond Geuss dafür stark, in konkreten Situationen genau hinzusehen statt in politischen Fragen in verallgemeinernde Abstraktion zu verfallen

In der Moderne findet eine Diffusion oder Zerstreuung der Macht, ja eine zunehmende Entmachtung der Macht statt.
Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt


Über das Wesen der Politik haben die Philosophen, und nicht nur die, lange und anhaltend gestritten. Das eine Lager, und diesem hängt das Gros der politisch Philosophierenden an, zurrt sich die politische Welt und ihre Anschauung in einem normativen Rahmen fest und leitet von diesem Handlungsanweisungen ab. Die andere philosophische Richtung leistet zunächst Feldarbeit, bevor sie Urteile in praktischer Absicht fällt. Von dieser Grundunterscheidung geht der britische Philosophieprofessor Raymond Geuss – in Deutschland insbesondere durch seine Studie Die Idee einer kritischen Theorie aus den 1980ern bekannt – in seiner Kritik der politischen Philosophie aus und verteidigt die zweite gegenüber der ersten Ansicht. Gegen diese, er nennt sie „Ethik-hat-Vorrang“-Position, hat er schon früher Zweifel vorgebracht, etwa gegen die normative Theorie des Kommunikativen Handelns bei Jürgen Habermas: „Ich finde es ziemlich problematisch, Ägyptern der prädynastischen Zeit, französischen Leibeigenen des neunten Jahrhunderts und Mitgliedern des Stammes der Yanomamö im Zwanzigsten Jahrhundert gleichermaßen die Ansicht aufzubürden, ihr Handeln sei dann richtig, wenn es auf Normen beruht, bezüglich derer in der idealen Sprechsituation ein universeller Konsens erzielt werden könnte.“ (In Die Idee einer kritischen Theorie, Königstein/Taunus: Athenäum 1983, S. 79)

Dem hält er entgegen, dass Politik, politisches Handeln und die Untersuchung dessen keine wertfreien Angelegenheiten sind und nicht sein können. Immer sind Menschen involviert, und diese haben als Akteure immer explizite oder implizite Interessen und bestimmte Vorstellungen, was sie als gut ansehen. Zudem kann kein Mensch eine allwissende Perspektive auf ein politisches Problem einnehmen, alle Beteiligten agieren also mit einem löchrigen Wissensbestand. Einer solchen Unterbestimmtheit muss man Rechnung tragen, so Geuss, anstatt sie in einer Idealtheorie der politischen Philosophie zu nivellieren und ein paar abstrakte Annahmen – wie „alle Menschen sind rational“ oder „alle suchen die größte Freude“ oder „alle sind schlecht/gut“ – zu den Grundpfeilern eines geschichtslosen Systems zu erheben. Geuss’ Gegenthese beruht auf vier Forderungen. Die politische Theorie müsse, erstens, realistisch sein: „Das bedeutet grob gesprochen, sie darf in erster Linie nicht von der Frage ausgehen, wie Menschen idealerweise (oder ‚vernünftigerweise’) handeln sollten, was sie wünschen oder schätzen sollten, was für Leute sie sein sollten und so weiter, sondern sie muss zuerst einerseits untersuchen, wie die Institutionen der betreffenden Gesellschaft konkret funktionieren, und andererseits, was die Menschen in dieser Gesellschaft wirklich bewegt, unter gegebenen Umständen so zu handeln, wie sie handeln.“ (S. 22f.) „Zweitens und im Anschluss hieran muss die politische Philosophie erkennen, dass es in der Politik in erster Linie ums Handeln und um die Kontexte des Handelns geht, nicht um bloße Überzeugungen oder Aussagen.“ (S. 26) Drittens ist die Politik immer historisch verortet: „Sie hat mit Menschen zu tun, die in institutionellen Kontexten aufeinander einwirken, welche dem Wandel der Zeit unterliegen.“ (S. 28) Und die vierte These lautet, „dass die Politik größere Ähnlichkeit mit der Ausübung eines Handwerks oder einer Kunst als mit der traditionellen „Theorieanwendung“ hat. Sie verlangt den Einsatz von Kompetenzen und von Urteilsformen, die nicht so leicht durch einfaches Reden vermittelt werden, nicht verlässlich kodifiziert oder routinisiert werden können und nicht automatisch mit der Meisterung bestimmter Theorien einhergehen.“ (S. 31)

Als eine Art negative Folie, auf der er seine These und ihre Forderungen näher beschreibt, dient Geuss ein bis dato einflussreiches politisches Systemgebäude: John Rawls Eine Theorie der Gerechtigkeit. Diese lässt sich wie folgt auf den Punktt bringen: Gerechtigkeit stehe am Anfang aller politischen Theorie, weil sie eine menschliche Grundtugend sei; jeder hat Zugang zu einer intuitiven Vorstellung von Gerechtigkeit. Imaginiere man einen „Urzustand“, an dem Menschen frisch zusammenkommen und ihr Zusammenleben verhandeln, würde man über diese Situation eine Theorie der Gerechtigkeit ausformulieren können. Anhand einiger Probleme, nämlich von darin enthaltenen Fehleinschätzungen (strikt rationale Akteure), Unrealismus (politische Interessen aushandeln als striktes Regelfolgen ohne Diskussion und Debatte), unzulässigen Abstraktionen (formale Gerechtigkeitsvorstellung als Leitbild) und Blindstellen (kein Begriff von Macht und Machtkonstellationen), weist Geuss darauf hin, woran sich eine politische Philosophie in seinem Sinne abzuarbeiten hat. Er macht deutlich, dass dies wiederum nicht in der Ausdeutung eines allgemeinen Systems geschehen kann. Damit würden die früheren Fehler der Theorie nur einmal mehr wiederholt. Vielmehr gilt es für Geuss, sich jeweilige politische Gemengelagen genau anzusehen und daraus dann konkrete Schlüsse und Handlungsanweisungen abzuleiten. So muss man etwa religiöse Überzeugungen oder Ideologien bei Protagonisten ernst nehmen, wenn sich diese auf solche berufen oder nach diesen handeln. Das heißt nicht, sie zu übernehmen oder zu teilen, aber als Handlungsmotivation zur Kenntnis nehmen, anstatt sie zugunsten einer Theorie rationaler Akteure zu ignorieren. Natürlich kann und sollte man solche Ideologien auch kritisieren und entlarven, das ist dann ja schon ein Handlungsschritt. Genauso wenig zielführend ist es, allgemeine Prinzipien wie Demokratie – die dann doch zumeist verengt nur den Liberalismus meinen – hoch zu halten, ohne sich konkrete demokratisch Institutionen, ihren Wandel und ihre Funktionsweisen anzuschauen. Und Politik sollte vielmehr als Diskussionsprozess denn formales System betrachtet werden.

Resümieren lässt sich Geuss’ Position in seinen Worten: „Wer mein Argument unbedingt in einer sehr allgemeinen Weise ausdrücken wollte, etwas, worauf ich in Anbetracht der meiner kontextualistischen Vorlieben nicht sehr erpicht bin, könnte es so zusammenfassen: In der modernen Politik geht es im Wesentlichen um Macht, um ihren Erwerb, ihre Verteilung und ihren Gebrauch. Es gibt keinen Grund, engstirnig zu sein im Hinblick auf das, was als Macht gilt, und sie auf Armeen und Industriebetriebe zu begrenzen. Dennoch ist die Politik nicht ausschließlich oder in erster Linie eine Angelegenheit unserer individuellen oder kollektiven moralischen Institutionen. Anstatt der Ermahnung von Rawls zu folgen – Wenn man über Politik nachdenken will, muss man über unsere Institutionen zur Gerechtigkeit nachdenken –, schlage ich vor: Wer über Politik nachdenken will, sollte zuerst über Macht nachdenken. [...] Es ist lediglich eine empirisch allgemeine Tatsache über uns bekannte Gesellschaften [...], dass die Macht in ihnen von Interesse ist.“ (S. 132f.) Das bedeutet nicht, das Macht per se schlecht oder böse ist; sie ist eben immer anwesend – auch als Gefahr – und muss daher in Betracht gezogen werden. Natürlich kann sich, so Geuss, mit Modelltheorien beschäftigen, wer will. Sie hernach aber der Praxis aufzuprägen, ist aber wenig sinnvoll. Geuss nennt sein Büchlein eine Streitstrift. Sie mag aufgrund ihrer kritischen Stoßrichtung und des Umfangs als solche gelten, ist aber viel zu klug argumentiert, um nur ein Debatten auslösendes Pamphlet zu sein. Und dass er sich auch vom oft erhobenen Absolutheitsanspruch der Theorie löst, macht Geuss und seine Lektüre zudem grundsympathisch.

Raymond Geuss: Kritik der politischen Philosophie. Eine Streitschrift

Hamburger Edition HIS Verlag

Hamburg 2011

142 S. – 12 Euro


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