Fabian Stiepert | Drucken12.11.2011 

Urlaub in der Offensive

Roberto Bolaños „Das dritte Reich“ ist der Bericht einer Obsession

Bei Roberto Bolaño handelt es sich um einen Autor, der erst nach seinem Tod zu Weltruhm gelangte und in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen wurde. Zumindest hat man ihm in Deutschland erst mit Erscheinen seines kongenialen Romanmonstrums 2666 vor etwa zwei Jahren die gebührende Aufmerksamkeit gezollt. 2666 war ein von der Kritik gefeierter Roman über Massenmorde in Mexiko und eine rund um den Erdball führende Reise auf der Suche nach einem mysteriösen Schriftsteller. Bolaño hatte auf über 1.000 Seiten eine eigene Welt zwischen zwei Buchdeckeln entworfen, die die Konventionen des Romans immer wieder umging, wenn nicht sogar zeitweise völlig aus den Angeln hob.

Nachdem im vergangenen Jahr mit Lumpenroman das erste Werk aus Bolaños Nachlass erschienen ist, können sich die Leser in diesem Literaturherbst über ein weiteres Buch freuen, das Bolaño zu Lebzeiten noch vollendet hat. Das dritte Reich ist das Tagebuch eines Urlaubs, den der deutsche Udo Berger mit seiner Freundin an der Costa Brava verbringt. Aber Udo Berger ist nicht in erster Linie zum Entspannen in den Urlaub gefahren. Er hat sich, wie er selbst sagt, „Arbeit“ mitgebracht in Form eines Strategiespiels, das dem Roman seinen Namen gibt. Hierbei ist anzumerken, dass ein solches Spiel tatsächlich existiert und keine Erfindung Bolaños ist, der Zeit seines Lebens ebenso wie sein Romanheld von solcherlei Kriegssimulationen fasziniert gewesen sein soll. Somit ist allein dies schon ein Faszinosum des Romans: Historisches anhand einer real existierenden Spielwiese für all diejenigen simuliert, die sonst als Nerds und Freaks abgestraft werden.

Udo Berger und seine Freundin lernen im Lauf der Zeit ein weiteres Ehepaar kennen. Bei den gemeinsam verbrachten Abenden fällt ihnen immer wieder ein sonderbarer, entstellter Mann auf, der für den Verleih der Tretboote zuständig ist. Udo Berger fasst sich ein Herz und macht den „Verbrannten“ zu seinem Spielpartner für „Das dritte Reich“. Viel zu spät erst merkt Berger, dass er besser jemand anderen in die Regeln des komplexen Spiels eingeweiht hätte. Das Verderben ist irgendwann nicht mehr abzuwenden.

Was sich in der Zusammenfassung wie ein waschechter Thriller anhört, ist doch etwas spröder, als man erwartet. Zumal man sich gar nicht erst die Hoffnung machen sollte, am Ende des Romans eine mustergültige Auflösung der rätselhaften Geschehnisse zu erhalten. Viel mehr erzählt dieser Roman, in der für Bolaño bereits in diesem Frühwerk sehr typischen, rasanten Sprache von der Fiktion und dem, was sie mit dem Menschen machen kann. Bolaños Held möchte bestimmte Realitäten nicht wahrhaben, verdreht sie und blendet sie aus. Das einzige, was ihm am Ende bleibt, ist das Spiel.

Alles in diesem Buch ist für den Leser derart beunruhigend, dass man die Seiten irgendwann nur noch mit zitternden Händen umblättert. Kann man Udo Berger trauen? Was passiert wirklich? Sind die Personen des Romans nur Hirngespinste? Wann geschieht ein Mord?

Ob Bolaño seine Leser bewusst täuschen wollte oder die Verwirrung darin begründet liegt, dass er diesen Roman zwar bereits 1989 vollendet, aber seitdem nicht mehr bearbeitet hatte, wird wohl niemals herauszufinden sein. Dabei hätte dem Text eine Bearbeitung an manchen Stellen durchaus gut getan. Zwar wird die Form des Tagebuchs kunstvoll genutzt (man beachte das virtuose freie Mäandern der Tempora), häufig verfranst sich der Text aber in ziellos wirkenden Dialogen. Die kleinen Schwachstellen dieses Fragments sind jedoch verzeihbar, zumal es auch spannend ist zu beobachten, wie Bolaño hier seinen Stil, seine Themen und Schauplätze zu finden versucht. Und was soll man sagen: Es ist ihm gelungen.

Roberto Bolaño: Das dritte Reich

Übersetzt von Christian Hansen

Hanser Verlag München

August 2011

320 S. – 21,90 Euro


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