Steffen Kühn | Drucken20.08.2011 

Klatsch und Tratsch aus Reinickendorf

Ein wenig Krimi, viel Groteske und noch mehr Provinz: Thilo Bocks Provinzroman „Senatsreserve“

Thilo Bock liebt die notorischen Verlierer. Dabei ist die Frage des Verlierens und Gewinnens natürlich immer eine Frage der Perspektive. Bock lebt im Wedding, mitten in Westberlin. Die Perspektive des Romans geht über die frühere Grenze hinaus nach nach Reinickendorf, genauer gesagt ins triste Märkische Viertel. Bock schaut zurück, zeitlich gesehen. Er selbst verbrachte seine Jugend in Reinickendorf. Freilich, er hat es geschafft, lebt nicht mehr dort, und auch seine Eltern, die vielleicht noch dort leben, distanziert er von der Provinz: „Meine Eltern, die ganz anders sind als Monika und Uwe Grube“, so die Widmung zu Beginn.

Monika und Uwe Grube, in Reinickendorf lebend, sind die Eltern des Antihelden Karsten Grube. Karsten Grube vermasselt sein Leben nicht allein, im Gespann mit Martin Horn fegt er durch die Tiefen der Provinz, hier also die erste Handlungsebene: Provinzreporter Horn und unentgeltlich schuftender Praktikant Grube. Eine andere Ebene ist das Sexualleben Grubes. Im Rahmen einer Recherche stößt er auf seine ehemalige Schulfreundin Simone, sie landen im Bett. Dumm nur, dass Simone mit ihrer alleinstehenden Mutter zusammenlebt, in die sich Grube auch noch verguckt. Für kurze Zeit gelingt der Spagat, zwei Frauen in ein und derselben Wohnung zu befriedigen, bis Simone ein benutztes Kondom findet. Ja, man scheut sich ja all diese niederen Details zu wiederholen, doch der Roman lebt davon und hat deshalb nicht umsonst den Untertitel Ein Provinzroman. Ein wenig Krimi, viel Groteske und noch mehr Provinz.

Dann die zweite Handlungsebene von Grubes und Horns Recherche zur nicht gebauten U8. Wildeste Spekulationen erhalten Nahrung. Ein korrupter SPD Schatzmeister, Schieberware aus dem Osten, Fluchttunnel nach dem Bau der Mauer – Bock fährt alles auf, was einem so an Klatsch und Tratsch einfällt. Er führt es nicht nur auf, sondern versucht es auch noch mit Fakten zu belegen, wie im Fall der vergeblichen Braunkohlesuche in Zeiten der Berlinblockade. Grube und Horn geraten darüber in die Halbwelt Berlins, hier wird nun auch Horns Sexualleben (endlich?) zum Thema. Grube hält sich derweil auch an die Prostituierten.

Thilo Bocks Senatsreserve ist flüssig geschrieben. Im Stil eines Poetry Slam reiht sich Groteskes neben Humorvolles. Der Blick des Intellektuellen in die Provinz nervt zuweilen. Dialoge wie: „…, du solltest dir abgewöhnen Wasser zu trinken. Warum? Ich trank mein Wasser noch leer. Vielleicht, die Frau tat als dächte sie nach, weil Fische drin ficken? Was? Ich komm nicht mit“ sind lustig, doch auf die Dauer auch ermüdend. Vielleicht sollte Thilo Bock seinen Provinzroman in vorlesbaren Paketen dem Weddinger Publikum live vortragen, zum Roman fehlt dem Stoff dann doch der Tiefgang.

Thilo Bock: Senatsreserve

Frankfurter Verlagsanstalt

Frankfurt – September 2011

320 Seiten – € 19,90


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