Tobias Prüwer | Drucken02.03.2011 

Daseinskontrolle!

Von wegen Giftschrankgeschreibsel und Terrortext: Das AutorInnenkollektiv Tiqqun fahndet nach dem Jungen-Mädchen

Nicht nur die entrepreneurialen Programme, sondern auch die widerständigen Praktiken wären daraufhin zu befragen, wie sie die Probleme bestimmen, auf die sie antworten, mit welchen Subjektpositionen und Subjektivierungsmodi sie operieren, welcher Interventionsformen sie sich bedienen und welche Plausibilisierungsstrategien sie einsetzen, um diese zu begründen, schließlich welche Verheißungen sie daran knüpfen ...
Ulrich Bröckling: Jenseits des kapitalistischen Realismus: Anders anders sein


Kürzlich sorgte ein Buch namens Der kommende Aufstand für Aufregung wie Missverständnisse. Das eher konservative Feuilleton lobt das Bändchen als theoretisch interessant, die traditionelle Linke watschte es in typischer Manier des Unverständnisses ab, weil es auf die SPD-Phrasen verzichtete. Man vermeinte Carl Schmitt darin zu lesen, nur weil von „Ausnahmezustand“ die Rede war – selbst wenn –, und übersah, dass Walter Benjamin diesen Begriff gemünzt hat. Wie dem auch sei, das gründlich missverstandene, aber höchst lesenswerte Buch – es schwirrt auch eine kostenlose Kopie durchs Netz – stammt aus dem Umfeld des Unsichtbaren Komitees, einer anonymen AutorInnengruppe aus Frankreich. Eng verwoben mit diesem Komitee ist Tiqqun, ebenfalls ein AutorInnenkollektiv, das mit Schriften wie Kybernetik und Revolte oder Einführung in den Bürgerkrieg bereits von sich Reden machte, die – um es grob zu fassen – mit post-modernem Werkzeugkasten an einer emanzipatorischen Theorie und Praxis schrauben. In einer recht neuen Schrift stellen sie die Denkfigur des Jungen-Mädchens vor.

Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens – Was im Titel reichlich enigmatisch daherkommt, wird auch zu Beginn der Lektüre nicht sofort klarer. Denn zwischen die Buchdeckel ist ein riesiges Assoziationscluster gespannt. Über die verschiedensten Knotenpunkte des globalen, weltumspannenden Netzes – hier in Anlehnung an die Entwürfe von Negri und Hardt „Empire“ genannt – hangelt sich der Text entlang, macht dabei wie in einem Prismaspiel eine Figur aus, die geschaffen ist, sich in dieser unentrinnbar kapitalistischen Welt wie ein Fisch im Wasser zu bewegen: Jungen-Mädchen. Diese ominöse Gestalt ist dabei nicht geschlechtlich definiert und meint keine Modewelle wie etwa die vermeintliche Metrosexualität. „In Wirklichkeit ist das Jungen-Mädchen nur der Modell-Bürger, wie die Warengesellschaft ihn seit dem Ersten Weltkrieg als explizite Antwort auf die revolutionäre Bedrohung neu definiert hat.“

Das Jungen-Mächen ist die ideale Subjekt-Formation für die kybernetische Verfasstheit der Gesellschaft. Politik findet hier nicht mehr statt, Wahlen sind lediglich Feedbackschleifen und dienen der Rückkopplung und alles was den reibungslosen Lauf der Konsumspiralen stört, wird entweder integriert oder weggesperrt. Das Jungen-Mächen ist der Schlafwandler, der sich in der Gesellschaft des Spektakels sicheren Fußes bewegt. Es ist der totale Konsument, es weiß um die Verfügbarkeit der Welt und seine eigene Verfügbarkeit. Alles hat einen Wert und auch der Selbstwert drückt sich durch Äußerliches aus – das Jungen-Mädchen ist ein perfekt mobiles Gut, das ganz der Güterakkumulation verschrieben ist. „Das Jungen-Mädchen ist schon jetzt der beste Kontrolleur der Verhaltensweisen. Mit ihm ist die Herrschaft in die letzten Lebensbereiche jedes Einzelnen eingedrungen.“ – Daseinskontrolle!

„Es scheint, dass sich die gesamte Konkretheit der Welt in den Hintern des Jungen-Mädchens zurückgezogen hat.“ Tiqqun verfährt nun nicht lehrbuchartig oder entfaltet eine klare Analyse. Es reiht Zitate und Witze, Slogans und Anekdoten, Beobachtungen und Behauptungen aneinander. In seiner absolut aphoristischen Form manchem Nietzsche-Werk nicht unähnlich, ätzen diese Grundbausteine aber umso mehr gegen den Warenfetisch und die ausgemachte Subjektform. Man hört hier Heideggers „Man“ als kritische Perspektive mitschwingen und Foucaults Kennzeichnung des Subjekts als selbst Unterworfenes, muss diese aber nicht kennen, um beim Lesen auch zu erkennen. Denn dass dabei nicht nur Pointen, sondern auch zahlreiche Wahrheiten zutage treten, ist die Überraschung dieser in herrlicher Kurzweil des bitterbösen Sarkasmus schwebenden Lektüre.

„Doch um was trauern diese fünfzehnjährigen Witwen? Sie trauern um die Große Liebe. Das Jungen-Mädchen braucht die Große Liebe nicht erlebt zu haben, um auf der Trauer über sie sein seelisches Gleichgewicht aufzubauen und um aus ihr all diese Verbitterung zu beziehen und mit strahlend weißen Zähnen zur Schau zu stellen.“

Tiqqun: Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens

Merve – Berlin 2009

131 S. – 13 Euro


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