Tobias Prüwer | Drucken27.04.2011 

Anhaltende Hybris

In „Der philosophische Blick auf die Technik“ zeichnet Ursula L. Meyer die Verstrickungen in der sozio-technischen Welt nach

Der 25. Jahrestag Tschernobyls ist eines dieser traurigen Jubiläen, auf die man gern verzichten könnte. Besonders dann, wenn aktuelle Geschehnisse uns an die vergangenen Schrecken erinnern. Nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Hybris der Menschen hält an. Sie ist gewiss nicht größer geworden, aber aufgrund technischer Machbarkeit hat nicht nur das, was man gemeinhin „Fortschritt“ nennt, in seiner Geschwindigkeit zugenommen, sondern auch das mögliche Fehlurteilen – und die Reichweite seiner fatalen Auswirkung. Daran gemahnt nun nicht allein Tschernobyl, sondern auch Fukushima. Man muss sie nicht in eins setzen, um Parallelen zu ziehen und Unterschiede zu erkennen. Eine einfache Erkenntnis ist die, dass komplizierte Sachverhalte und Entscheidungen allzu oft aus der bloßen Ingenieursperspektive bewertet und getroffen werden. Paart sich diese mit ökonomischem Kalkül, dann ist nicht mehr viel davon übrig, was man gemeinhin als vernünftiges Urteil bezeichnet – nämlich ein interessenloses Abwägen aller Für und Zuwider.

Zu einfach scheint uns Technik handhabbar sein, läuft sie doch in der Regel wie geschmiert. Nur im Stör- und Ausfall zeigt sie sich uns, ansonsten entzieht sie sich eher der Wahrnehmung. Darauf wies schon Martin Heidegger hin. Will man sich aber über die Technik verständigen, muss man genau hinsehen, sie ins Licht der Betrachtung ziehen. Ein guter Abriss der Versuche in der Philosophiegeschichte, genau solche technischen Untersuchungen anzustellen, gibt das Buch Der philosophische Blick auf die Technik. Nach einer kleinen Wortfeldanalyse davon, was das Wort Technik denn alles bedeuten kann, erörtert Ursula L. Meyer im ersten Teil des Buches das technische Zeitalter der (Post-)Moderne. Ob man das technische Zeitalter als Leonardo-Welt, Ära im Gestell oder dem Paradigma der Exploration ausgesetzt sieht: Sie skizziert die Positionen einiger ProtagonistInnen der Technikphilosophie, streift ethische Fragen und widmet sich dem Komplex der Technikfolgeabschätzung. Der Mensch erscheint dabei weder als souveräner Entscheider, der alle technologischen Fäden in der Hand hat und die technische Welt lenken kann, noch als maschinengeknechteter, handlungsunfähiger Untertan. Er ist in einem Zwischending gefangen: In einer komplexen sozio-technischen Welt kann er im Kleinen Dinge durchaus entscheiden, der große Wurf gelingt ihm aber nicht. Unterstützt wird diese Analyse durch eine historische Rückschau der Begriffsentwicklung, die vom antiken Lob der Techné bis zur Kritik der Industriegesellschaft durch die Kritische Theorie reicht.

Dabei ist es wohltuend, dass die Autorin nie ausgewiesen technikgläubig oder -feindlich schreibt. Beides wäre auch ebenso unklug wie undifferenziert. Wenn man aber eines sowohl aus dem Buch als auch aus dem aktuellen Geschehen lernen kann, dann ist es jene Einsicht, dass nicht nur maschinenstürmerische Technikverdammung gefährlich ist. Bildung und Mündigkeit bewahren auch vor anhaltender Hybris sowie dem eindimensionalen Wetten auf die technischen Möglichkeiten und die Verwechslung von theoretischer Machbarkeit mit dem tatsächlichen Nutzen.

Ursula L. Meyer: Der philosophische Blick auf die Technik

Einfach-Verlag

Aachen – 2006

199 S. – 15,80 €


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